Düsseldorf-Heerdt: Ein alter Stadtteil wird anonymer

Stadtteil-Check Heerdt : Heerdter müssen sich neu kennenlernen

Im Stadtteil wird viel gebaut. Auf jeder freien Fläche entstehen Wohnhäuser. Der Nachteil: Die Menschen kennen sich nicht mehr untereinander. Das bedauern Alteingesessene und Neuzugezogene.

Dort, wo einst Kühe auf „Küppers Wiese“ weideten, steht das Haus von Thilde und Tony Küppers. Beide genießen ihr Seniorendasein, wissen sie doch, dass der Betrieb in den „Küppers Bierstuben“ am Nikolaus-Knopp-Platz von Tochter Katja und ihrem Ehemann in guten Händen ist.

1964 hatte Thilde Küppers in die bekannte Heerdter Großfamilie eingeheiratet. „Wir haben alle unter einem Dach gelebt, meine Schwiegereltern, Großeltern, Schwägerinnen.“ Stück für Stück sei dann das Land auch von anderen Alteingesessenen verkauft worden, „neue Wohnhäuser hinter unserer Gaststätte bis hinunter zum Rhein wurden gebaut, und Neu-Heerdter siedelten sich an.“ Auch ein Vorteil für die Gaststätte, denn nun stieg der Umsatz. „Damals war es üblich, dass die Kirchenbesucher nach dem Gottesdienst zum Frühschoppen kamen“, so Thilde Küppers. Überhaupt sei der Thekenbetrieb ein wichtiges Standbein gewesen. Das habe bereits nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen, als Alkohol und leckeres Essen im Vordergrund standen. „Mein Schwiegervater hat die Arbeiter, die freitags mit ihren Lohntüten kamen, erst nach Hause geschickt mit den Worten: Gib erst deinen Lohn zu Hause ab, dann kannst du wiederkommen.“

Viel hat sich seitdem geändert. „Die Frauen sind berufstätig, Männer nehmen am Familienleben teil.“ Wenn Männer damals einen Kinderwagen geschoben hätten, wären sie nicht gut angesehen gewesen. Das habe sich zum Positiven geändert, freut sich die Seniorin. Gut findet sie auch, dass der einstige Industriestandort Heerdt aufgewertet wurde und sich weiter entwickelt. Schade sei nur, dass sich die Menschen heute kaum noch kennen und die Gemeinschaft so verloren gehe.

Manfred Sieberling ist neu in Heerdt und doch irgendwie ein alter Bekannter. Im Stadtteil ist er groß geworden, war nach der Schule dann viele Jahre weg. Foto: Nicole Kampe

Ein richtiger Neu-Heerdter ist Manfred Sieberling eigentlich nicht, als Kind wohnte er im Stadtteil, ist dort groß geworden, ging dort zur Schule. Als er Anfang 20 war, wechselte er die Rheinseite, lebte fast 50 Jahre in Bilk, hatte in der Zeit wenig Kontakt zu Heerdt, Freundschaften verliefen irgendwann im Sande, Kontakte brachen ab. 2017 zog er zurück, „der Lebensinhalt hatte sich geändert“, sagt der 71-Jährige, für den es spannend war, noch mal von vorne anzufangen, in einem Stadtteil, den er kannte und den er gleichzeitig nicht mehr kannte. Die dörfliche Struktur ist geblieben, die ihm früher nie so aufgefallen war, die ihn heute ein bisschen stört, weil er die Großstadt gewohnt ist, weil er in Bilk immer alles fußläufig erreichen konnte, es Restaurants und Cafés und Bars gab, vor allem die Auswahl. Und trotzdem hat er es nicht bereut, wieder zurück zu sein in Heerdt. Das Ökotop gefällt ihm gut, „da war früher nur ein großes Baggerloch“, sagt Manfred Sieberling, der auch die Nähe zum Rhein und die direkte Nachbarschaft zu Oberkassel schätzt. Das Leben in Heerdt ist für ihn ruhiger geworden, findet der 71-Jährige, der sich aber nicht ganz aus der Großstadt-Welt zurückgezogen hat. Nach wie vor ist Sieberling Vorsitzender der Sangesfreunde Bilk. Und weil die Anbindung gut ist, Straßenbahn und die Metro-Busse regelmäßig fahren, kommt er auch immer problemlos in seine alte Heimat. Ein paar mehr Kontakte zu Vereinen in Heerdt würde er sich wünschen, zumindest hat er einige alte Bekannte wiedergesehen, „wir planen ein Ehemaligen-Treffen mit den früheren Anwohnern der Heerdter Landstraße, wo ich aufgewachsen bin“.

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