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Hassels: Zwei Gemeinden teilen sich eine Kirche

Anbetungskirche in Hassels : Eine rettende Gemeinschaft

Zwei Gemeinden teilen sich die Anbetungskirche in Hassels. Die Christ Ambassadors Gospel Ministry sind Untermieter der evangelischen Kirchengemeinde. Ein Arrangement, das sich für beide Seiten lohnt.

Gospelgesänge hallen von den meterhohen Wänden der Anbetungskirche in Hassels wider. Trommelklänge drücken sich durch die Stuhlreihen. Mikrofone quietschen, eine Rückkopplung. Auf den Sandsteinstufen vor dem Altar schwingen Röcke, die Muster der Stoffe erinnern an eine Schale M&Ms, ihre Farben leuchten in Rot, Orange, Gelb, Blau. Ein Mann reckt die Hände gen Himmel, die Augen geschlossen. Er betet. Es ist 12.30 Uhr an einem Sonntag im Januar. Gerade hat der Gottesdienst der Christ Ambassadors Gospel Ministry begonnen.

Das ist eine freikirchliche Christengemeinde mit Sitz in Düsseldorf. Sie versteht sich als Botschafter Jesu Christi. Die Gottesdienste der Ambassadors sind laut, schillernd, erinnern eher an ein Konzert als an eine Andacht. Für viele Düsseldorfer Kirchgänger wird das befremdlich sein. Trotzdem sind es die Ambassadors, die ein Stück der christlichen Kultur in Hassels erhalten. Dank ihnen steht der weiß-graue Bau der Anbetungskirche immer noch im Stadtteil.

„Halleluja“, schallt es aus vielen Mündern. Die Kirche ist an diesem Sonntag voll besetzt. Nur jene Plätze sind frei geblieben, um die coronabedingten Abstände zu gewährleisten. Die Hälfte der Anwesenden sind Kinder. Mal klatschen sie im Takt der Musik, mal flitzen sie durch die Reihen, essen Kekse. Der Mann, der eben noch an seinem Platz stand und seine Gebete gesungen hat, betritt jetzt die Stufen vor dem Altar. Die Gemeinde klatscht euphorisch. Jubelt. Der Mann ist Pastor Appaouh Kouass Noel. Er greift nach einem Mikrofon und beginnt zu sprechen.

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Pastor Noel ist 49 Jahre alt und stammt von der Elfenbeinküste.1999 kam er nach Deutschland. Er ist Prediger der Ambassadors und ihr Gründer. Die Gemeinde ist kein Teil der öffentlichen Institution Kirche, sie bekommen auch keine Kirchensteuern. Sie sind ein eingetragener Verein, der durch Spenden finanziert wird. Pastor Noel hat die Ambassadors gegründet, so sagt er, weil er in Deutschland keine Gemeinde gefunden habe, in der er sich richtig wohl fühlte. „Ich möchte während des Gottesdienstes aufspringen können, laut singen und Freude empfinden“, sagt er. Das war 2004.

Tatsächlich scheinen sich viele Gläubige in Deutschland nicht mehr von ihren eher ruhigen Gottesdiensten angesprochen zu fühlen. Immer weniger Menschen besuchen eine christliche Sonntagsandacht, nicht erst seit dem Ausbruch der Pandemie. Zum Einzugsgebiet der evangelischen Anbetungskirche gehören etwa 3000 Menschen. Zum Gottesdienst erscheinen gut zehn. Vor Corona waren es vielleicht 30 oder 40. Bei den Ambassadors sind es an diesem Sonntag allein knapp 30 Kinder.

Pastor Noel bewegt sich in ausladenden Schritten vor dem Altar auf und ab. Im Hintergrund sind Bibelverse mit einem Beamer an die Wand geworfen. Ein Mann liest sie auf seinem iPad mit. Dabei spricht Pastor Noel so laut in sein Mikrofon, dass die Predigt niemandem entgeht. Er schmückt die Worte Gottes aus, zieht Vergleiche zur Alltagswelt. Er imitiert pantomimisch einen Schlüssel in der Luft. Die wichtigen Stellen wiederholt er, einmal, zweimal, manchmal bis zu vier Mal, um ihnen mit seiner Stimme Nachdruck zu verleihen.

Zwei Wochen zuvor ist es beinah still in der Kirche in Hassels. Pastor Noel ist mit Pfarrer Breer zusammengekommen. In der Anbetungskirche ist nämlich eigentlich die evangelische Kirchengemeinde Benrath/Hassels beheimatet. Sie unterhalten eine Partnerschaft. „Es war 2019, dass ich Pfarrer Breer angerufen habe“, sagt Pastor Noel. Kurz zuvor sei die Turnhalle abgerissen worden, in der die Ambassadors bisher Gottesdienst feierten. Nun suchten sie eine neue Heimat. „Eigentlich war sofort klar, dass wir unsere Räume zur Verfügung stellen“, sagt Pfarrer Breer.

Christoph Breer ist seit 2017 hauptamtlicher Pastor der evangelischen Kirchengemeinde Benrath/Hassels. Er ist für den Bezirk der Anbetungskirche zuständig, hält hier jeden Sonntag um 9.30 Uhr einen traditionell-evangelischen Gottesdienst, wie er vielen Menschen in der westlichen Welt vertraut ist.

Doch trotz der vermeintlichen Unterschiede: Heute sind beide Pastoren dankbar über ihre Hausgemeinschaft. Denn nicht nur die Ambassadors profitieren davon, auch die evangelische Gemeinde. „Eigentlich haben die Ambassadors die Anbetungskirche gerettet“, sagt Pfarrer Breer. Weil immer weniger Menschen den Gottesdienst besuchten, sollte das Gebäude abgerissen werden. Der Unterhalt sei einfach zu teuer gewesen. Nun würden die Kosten geteilt. Die Rettung.

Tatsächlich verschwinden immer mehr Kirchen aus dem Düsseldorfer Stadtbild. So etwa demnächst die Heilig-Geist-Kirche in Urdenbach. 2019 öffnete sie das letzte Mal die Türen. Sie gab die Gemeinde wegen zu hoher Kosten bei gesunkenen Mitgliederzahlen auf. Etwas, das die Anbetungskirche nun nicht mehr fürchten muss. Ein Glück, wie Pastor Noel findet. „Die Menschen müssen an Gott erinnert werden“, sagt er. „Wenn keine Kirchen mehr da sind, verlieren sie ihren Glauben.“