Historie : Auf eine „Tusnelda“ in die Bäckerei Nase

Falk Mathieu hat ein Sittenbild von Grafenberg gezeichnet, als die Ludenberger Straße noch Düsseldorfs Amüsiermeile war.

Wer etwas über Grafenbergs Vergangenheit wissen will, muss Falk Mathieu fragen. Er verfügt über ein umfangreiches Archiv des Stadtteils, das für historisch Interessierte Gold wert ist. Basierend auf seinen Erinnerungen und angereichert mit Anekdoten hat er jetzt zusammengetragen, welche Geschäfte, Handwerksbetriebe oder auch Restaurants es in der Vorkriegszeit so gab. Und wenn heute beklagt wird, dem Stadtteil fehle es an Infrastruktur – bis 1960 sah das in Grafenberg noch ganz anders aus.

An der Ecke Grafenberger Allee/ Simrockstraße gab es zum Beispiel eine kleine Bierkneipe, es wurde dort getanzt, die Gäste waren aber überwiegend weiblich, denn nach dem Krieg waren viele Männer noch in Gefangenschaft. Die alte Grafenberger Post dort war noch bis in die Nachkriegszeit geöffnet. An der Ecke Grafenberger Allee/Gehrtsstraße produzierte die Wiener Feinbäckerei Theodor Nase leckere Torten – Spezialität des Hauses: die Sahneschnitten „Tusnelda“. Und an der Ecke Geibelstraße existierte noch das Lebensmittelgeschäft Blüggel.

In der Geibelstraße gab es die verschiedensten Geschäfte und Handwerksbetriebe, darunter auch der von Malermeister Hilgehrs, der stets eine farbbespritzte Brille trug. Das Restaurant Schubert-Haus der Eheleute Grassel existiert heute noch unter anderem Namen am angestammten Platz an der Ecke Schubertstraße. Gleich um die Ecke war das Lebensmittelgeschäft Monnerjahn, das von zwei älteren Damen geleitet wurde. Und am Ende der Grafenberger Allee lag die Zwieback-Fabrik Crux.

Das jetzige Rondell am Staufenplatz entstand erst nach dem Krieg und war einst der Straßenbahn-Wendeplatz der Linie 9. An der Einmündung zur früheren Stadtwaldstraße (heute Ernst-Poensgen-Allee) lag die Revierförsterei Grafenberg, Chef war Willi Lüttgen. Die Försterei wurde damals weitgehend mit Pferd und Wagen bedient, heute liegt an dieser Stelle die Seniorenresidenz. Dort fängt auch der Bismarckweg an, der in den Wald führt. Die Getränkebude der Eheleute Krenkels lieferte Wanderproviant und Eis für die Kinder, das Eishörnchen kostete fünf Pfennige. Schon seit Urzeiten steht hier eine Pferdetränke aus einer eisernen Brunnenschale für den Fuhrwerksverkehr ins Bergische Land. Auch eine rundgebaute eiserne Latrine war für den damaligen regen Fußgängerverkehr erforderlich. Der Bismarckweg führte dann auch zur Restauration Wolfsschlucht der Brauerei Schumacher, eines der schönsten Gartenrestaurants in Düsseldorf. Weiter oben lag das Waldschlösschen, ein urgemütliches kleineres Café-Restaurant.

Im Straßendreieck Ludenberger und Hardtstraße gab es noch freie Flächen, dort entstanden Tennisplätze, die durch Tennislehrer Carl Hartmann geleitet wurden, der stets im weißen Tennisdress zum Einkaufen in die naheliegenden Geschäfte ging. Das Schaustellergeschäft Rauwald hatte an der Ecke zumeist seine Gerätewagen für die Schiffschaukel abgestellt. Gleich gegenüber des Staufenplatzes war das Café Junker, ein viel besuchtes kleines Restaurant. Und direkt im Anschluss lag das große Restaurant Jägerhaus mit dem markanten Ecktürmchen und großem Garten. Im hinteren Bereich befand sich für größere Veranstaltungen der Diana-Saal, der im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.

Weiter aufwärts waren verschiedene Geschäfte angesiedelt, unter anderem auch das Lebensmittelgeschäft Morgenschweiß. Und die Drogerie leitete ein Herr Gift. Eine Tür weiter, im Zigarren- und Schreibwarengeschäft Merkel, gab es neben Rauchwaren auch Schiefertafeln, Griffel und Schreibhefte zu kaufen. Die Metzgerei von Hubert Biesemann war schon deswegen sehr beliebt, weil der Chef als Schützenoffizier fungierte. Fräulein Scharfenberg verkaufte in ihrer Bäckerei die ersten frischen Brötchen nach dem Krieg. Im Friseurgeschäft Knorz liefen die elektrischen Haarschneidemaschinen über ein dünnes Drahtseil von Stuhl zu Stuhl. Malermeister Albert Felber zog derweil mit seiner Ziehkarre von Haus zu Haus. In der Gaststätte Marx vor der Abzweigung in den Pöhlenweg wurde getrunken und getanzt. Auf der Nordseite der Ludenberger Straße machte die Tanzgaststätte Engels dem Marx Konkurrenz.

Wer ein Auto hatte, konnte etwas weiter an der Shell-Tankstelle Benzin nachfüllen lassen, Tankwart Phillip Görts hatte dabei immer einen Zigarillo im Mund. Dann gab es noch das kleinere Restaurant Windstärke 16, und das große Restaurant Löwenburg mit Tanzsaal bildete den Abschluss der Bebauung. Wie man sieht: Die Ludenberger Straße war noch bis in die 60er Jahre hinein eine echte Amüsiermeile. Und Grafenberg war alles andere als ein verschlafener Stadtteil am Waldesrand mit wenigen Geschäften.

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