Warum die Kirche St. Margareta in Gerresheim so spannend

Kirche : Ungewöhnliche Blicke auf St. Margareta

Ulrich Brzosa erläutert, warum das Gerresheimer Gotteshaus mit einem Schild auf der Autobahn als „besonders“ geadelt wurde.

Nun ist es amtlich. Die Basilika St. Margareta ist keine gewöhnliche, sondern eine ungewöhnliche Kirche. So ungewöhnlich, dass Gerresheim mit ihr an der A3 in Kürze werben darf. Eine touristische Unterrichtungstafel mit ihrer Silhouette und der Aufschrift „Basilika St. Margareta“ regt dann Pendler und Urlauber kurz vor der Ausfahrt Mettmann an, nach Gerresheim abzubiegen. Mit Aufstellung der braun-weißen Tafel darf St. Margareta in einem Atemzug mit Drachenfels, Walhalla, Ulmer Münster, Porta Nigra, Kloster Andechs, Neuschwanstein genannt werden. Sie sind unstrittig keine gewöhnlichen Orte. Was aber ist an St. Margareta, die zu Gerresheim gehört wie der Dom zu Köln, so ungewöhnlich?

Der Turm Kein Kirchturm reckt sich schöner in den Düsseldorfer Himmel als der Turm von St. Margareta. Achteckig, was selten vorkommt. Viele Guckfenster, viele Friese. Und rot-weiß. Vor stahlblauem Himmel leuchtet das Rot-Weiß hier intensiver als am Flinger Broich. Mit dem Turm als Landmarke gelingen von den Gerresheimer Höhen spektakuläre Fotos. Wann der Turm und die Kirche erbaut wurden, ist unbekannt. Eine Altarweihe 1236 gilt behelfsweise als Jahr der Fertigstellung. Stilistisch sind Turm und Basilika ein Werk des Übergangs. Mal romanisch schlicht und rund, mal gotisch verziert und spitz.

Das Grab des Stifters von St. Margareta. Gerrich soll es sein. Wer darin wirklich ruht, ist unbekannt. Foto: Bretz, Andreas (abr)

Gerricus-Sarkophag Die hochgotische Tumba ist die Grablege für den Gerresheimer Kirchengründer. Ein Grab für den Stifter ist in einer Kirche keine Seltenheit. Misslich ist nur, dass die Anfänge der Basilika im Dunkeln liegen. Keiner weiß, wer die Kirche und das angeschlossene Damenstift am Pillebach errichten ließ. Die Unkenntnis verleitete um 1200 ein Stiftsfräulein zu der gern kolportierten Behauptung: Der Gerrich war’s! Einen Gerrich hat es im 9. Jahrhundert tatsächlich geben: Edelmann, begütert im Bergischen, sonst unbekannt. Ob er Stadt- und Kirchengründer war, ist trotz Namensanalogie Spekulation. Die Tumba ist voller Gebeine. Wem sie gehören, weiß allein der Herrgott.

Einmaliges Sitzen. Nur in St. Margareta kann man dem Gottesdienst in einem echten Chorgestühl beiwohnen. Foto: Bretz, Andreas (abr)

Chorgestühl Was man sonst aus Theatern oder Kinos kennt, wurde in der Kirche erfunden. Der Klappsitz. In Kombination mit hohen Armlehnen und einem kleinen Knauf erlaubt er im Chorgestühl ein bequemes Stehen in frommer Haltung. In St. Margareta war das Chorgestühl allein den Stiftsgeistlichen vorbehalten. Heute kann hier jeder sitzen. Sogar während des Gottesdienstes. Wegen der Nähe zum Unterleib waren die Vorsprünge oft mit negativen Dingen verziert. Vielleicht waren die Gerresheimer Stützbretter zu schlüpfrig und wurden deswegen ausgetauscht. Dafür sind das Chorgestühl wie alle Bänke in der Kirche heute gepolstert.

In St. Margareta wird traditionell, aber auch modern kollektiert. In den Opferstock für den „Peterspfennig“ passen auch Cent- und Euromünzen. Foto: Bretz, Andreas (abr)

Opferstock Keine Düsseldorfer Kirchengemeinde kann besser Kötten als St. Margareta. Wie in jeder Kirche gibt es hier Opferstöcke und Klingelbeutel. Hier gibt es aber auch die Bürgerstiftung Gerricus. Sie sucht Menschen oder Institutionen, die Zeit oder Geld stiften. Sie findet Menschen oder Projekte, die Aufmerksamkeit oder Unterstützung brauchen. Das Wirkungsspektrum der ehrenamtlich geführten Stiftung ist beachtlich. Ob Schülercafé, Nachbarschaftshilfe, Hospizarbeit, Flüchtlingshilfe oder Chorschule. Viele soziale und kulturelle Projekte, die das Leben der Gerresheimer erleichtern oder verschönern, würde es ohne die moderne Form des Köttens hier nicht geben.

Ottonisches Kreuz. Das überlebensgroße Kruzifix hängt in der Apsis und ist das älteste Hochkreuz in Düsseldorf. Mit Abstand. Wer einmal erleben möchte, welche Ausdruckskraft einfache Formen und Schlichtheit haben können, der braucht sich nur unter dieses Kreuz zu stellen. Am Christus, der leidend und menschlich gezeigt wird, bestechen die geringe Ausformung seines Körpers und die weichen Züge seines Antlitzes. Ursprünglich bemalt, zeigt sich der Korpus heute entblößt. Ob das Kreuz ein Gerresheimer Original ist und extra für die Basilika angefertigt wurde, bleibt dunkel. Gesichert ist nur, es entstand unter den Kaisern Otto I. bis III..

Die Kanzel In keiner Düsseldorfer Kirche wird das Evangelium feierlicher vorgetragen als in Margareta. Nach liturgischem Verständnis höchst grenzwertig, steigt der Priester feiertags auf die Kanzel und verkündet von hier statt vom Ambo das Wort Gottes. Das gibt es so nur in Gerresheim. Ob gestattet oder unerlaubt. Es hat was. Der Predigtstuhl, eine solide, aber unspektakuläre Barockarbeit, hat in Margareta eine neue Funktion. Früher Ort des erhobenen Zeigefingers und der Gewissensprüfung ist die Gerresheimer Kanzel heute Ort der Verkündigung einer frohmachenden Botschaft.

Der Schrein des Hl. Hippolyt. Der Gerresheimer Schutzpatron war mehr unterwegs als zu Hause. Foto: Bretz, Andreas (abr)

Hippolyt-Schrein Die Aufstellung der Gebeine des Hl. Hippollyt im Vorgängerbau der heutigen Margaretenkirche sollte eigentlich den Ruhm und die Ehre der noch jungen Gerresheimer Kirche fördern. Daraus wurde aber nichts. Vermutlich beim Ungarneinfall 919 wurden die hochverehrten Reliquien zur Sicherheit nach Köln gebracht. Hier blieben sie mehr als 1000 Jahre, weil die Kölner die „Knöchelkes“ nicht mehr rausrückten. Erst 1953 kehrten der Hl. Hippolyt und ein neuangefertigter Schrein nach Gerresheim zurück. Ob aus Interesse oder Misstrauen. 2006 wurde der Hippolyt-Schrein geöffnet und sein Inhalt überprüft. Das überraschende Ergebnis: Man fand mehr Gebeine als erwartet. Köln hat nicht gemogelt.

Orgel Die Basilika wurde nicht für die Musik erbaut. Die Akustik ist allenfalls mäßig. Dank klangstarker Riegerorgel, ideenreichem Kantor und hochklassigen Chören ist die Kirchenmusik trotzdem immer ein Genuss. Ob Weihnachten, Ostern oder einfach mal zwischendurch: Wenn der Basilikachor den Gottesdienst mitgestaltet, ist die Kirche rappelvoll. Während andernorts der Priester nach dem Segen vor halb leeren Kirchen auszieht, warten viele Gottesdienstbesucher in St. Margareta solange, bis der letzte Ton des Orgelnachspiels verklungen ist.

Das südliche Querschiff ist eine Pilgerstätte für alle Düsseldorfer Orgelfans. Foto: Bretz, Andreas (abr)

Papstwappen Auf Grund ihrer Geschichte und Bedeutung wurde St. Margareta 1982 vom Papst zur Basilika minor erhoben. Der Titel täuscht. Mit der Erhebung ist die Gerresheimer Basilika nicht „kleiner“ sondern „größer“ geworden. Besser gesagt: Erhabener. Als kleine Papstkirche hat sie Rechte, aber auch Pflichten: Abhaltung vorbildlicher Gottesdienste, Beachtung aller Papstfeste, häufige Predigt- und Beichtdienste, Studium und Verbreitung römischer Verlautbarungen. Zur Belohnung darf sich St. Margareta mit den Insignien des Papstes schmücken. Das Vorrecht teilt Gerresheim sich mit zwei Kirchen in Düsseldorf und 1763 weiteren Gotteshäusern in der Welt.

Als Basilika minor darf sich St. Margareta mit dem Wappen des Papstes schmücken. Foto: Bretz, Andreas (abr)

Kirchengemeinde Wie überall nimmt auch in Gerresheim die Zahl der Katholiken ab. Trotzdem wächst St. Margareta. Nicht quantitativ, aber qualitativ. Das spirituelle, kulturelle und gesellige Angebot für die Zielgruppe U3 bis Ü100 ist vielseitig, professionell und strahlt in die kirchliche wie auch kommunale Gemeinde hinein. St. Margareta zeigt sich als eine Gott und den Menschen nahe Kirche. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, die für Düsseldorf keine Selbstverständlichkeit ist.

Ulrich Brzosa beschäftigt sich als Historiker mit der Düsseldorfer Stadt- und Kirchengeschichte und beobachtet die aktuelle Entwicklung der Düsseldorfer Kirchen.

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