Gerresheim: Ein Stadtteil im Wachstum

Stadtteil-Check: Ein Stadtteil im Wachstum

Kaum ein Stadtteil ist so autark wie Gerresheim. Die Bewohner sind selbstbewusst, die Grenzen relativ klar abgesteckt. Das wissen Neubürger wie Raphael Flaskamp und Alteingesessene wie Gisela und Dieter Schindler.

Wenn die Schindlers aus dem Wohnzimmerfenster schauen, liegt ihnen die Natur zu Füßen. Genauer gesagt: das Pillebachtal-Naturschutzgebiet. Das schmucke Einfamilienhaus mit den dunklen Fensterläden schmiegt sich unweit der Bergischen Landstraße an den Gallberg. „Wir atmen Bergluft“, sagt Gisela Schindler, lächelt und schenkt einen Kaffee ein. 50 Jahre wohnen die Schindlers schon in Gerresheim. „Mit unserer Ehe begann auch die Liebe zu Gerresheim“, sagt Dieter Schindler lachend. Das war 1968. Ihre Wurzeln haben beide in Berlin. Gisela, Jahrgang 1935, und ihr sechs Jahre jüngerer Mann Dieter, wurden in Berlin geboren, mussten aber nach dem Krieg in den Westen fliehen. Eine Puppe konnte Gisela noch aus ihrem Kinderzimmer mitnehmen in den Westen. Der Vater blieb noch drei Jahre in Kriegsgefangenschaft. Dieter Schindler kam mit seinem Bruder und seinen Eltern 1949 über eine Zwischenstation in Niedersachsen an den Rhein. Der Vater, ein Notar, hatte hier eine Anstellung gefunden. In den 1960er-Jahren lernten sich beide, die Mitarbeiterin einer Werbeagentur und der angehende Anwalt, bei einer Freundin kennen. Die wollte eigentlich Gisela mit einem anderen Mann verkuppeln wollte. „Doch dann stand plötzlich dieser freundliche, humorvolle Mann im Raum“, erinnert sie sich. Als die Kinder größer wurden, zu den Söhnen Philipp und Florian kam noch die Pflegetochter Martina, zog die Familie von der Friedingstraße rauf auf den Berg. Die kleine Sackgasse wurde zum Spielplatz, im Wald kletterten die Kinder auf Obstbäume. Idylle pur. Heute lebt der Nachwuchs gut versorgt in Berlin, in den USA und in Süddeutschland. Doch die Schindlers wollen nicht mehr weg. Die Ruhe ist es, die dem Paar an Gerresheim gut gefällt: „Das Ländliche macht diesen Stadtteil so bodenständig“, sagt Gisela Schindler. „Nicht so viel Chi-Chi wie auf der anderen Rheinseite.“ Der alte Markt, wo im Mittelalter die Stiftsdamen frische Zutaten für die Küche kauften, und heute wieder Boulespieler den Schatten unter den Bäumen nutzen, ist ihr Lieblingsort. Genau wie das italienische Restaurant „Due Amici“ oder die Basilika. Die Gemeinschaft der vielen Vereine sei außergewöhnlich, sagen beide. „Die Gerresheimer Stiftsfrauen haben uns die Gemeinschaft wohl gelernt.“ ⇥Michael Bröcker

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