Die bunten Häuser von Niklaus Fritschi in Gerresheim

Architektur : Die schmalen Häuser

Architekt Niklaus Fritschi hat vor 20 Jahren in Gerresheim Geschichte geschrieben.

Am Anfang stand eine Lüge. Unverkäuflich sei das, was Niklaus Fritschi da gebaut habe, wurde dem Architekten vom Auftraggeber vorgehalten. Schön bunt zwar, leuchtend blau, mit einem knallroten Turm, Duplo-Häuser haben die Nachbarn das Ensemble getauft – aber alles sei viel zu schmal, wie in einem Kaninchenstall, und eine Tiefgarage gebe es auch nicht. Da behauptete Fritschi, er habe schon fünf Interessenten an der Hand, und er selbst würde in den roten Turm einziehen. „Dabei wusste ich noch nicht einmal, ob mein Geld überhaupt reicht.“ Es hat gereicht. Es folgten weitere Häuser in der Siedlung an der Heinrich-Könn-Straße in Gerresheim, die längst Architektur-Geschichte geschrieben haben, denn sie erfüllen ein Kriterium, das heute mehr denn je gefragt ist: Bei hoher Verdichtung auf kleinen Grundstücken bezahlbaren Wohnraum schaffen – und zwar in einem richtigen Haus. „Und wer einmal dort eingezogen ist, will auch nicht mehr raus“, sagt Fritschi. Wenn doch, verkauft derjenige mit Gewinn. „Kürzlich ging eines der Häuser, das ursprünglich 350.000 Euro gekostet hat, für 550.000 Euro weg“, erzählt der Bauplaner, der durch die Gestaltung der Rheinuferpromenade und des Baus von Apollo-Theater (mit Benedikt Stahl und Günter Baum) und KIT (Kunst im Tunnel) Berühmtheit erlangte.

Gut 20 Jahre ist die Geschichte mit der Gagfah, dem damaligen Auftraggeber des ersten Hauses, nun her, noch immer gibt es internationale Architekten-Führungen rund um die Heinrich-Könn-Straße unter der Leitung der damaligen Stadtplanerin Ellen Schneiders, die die Entstehung des ungewöhnlichen Quartiers – Arm wohnt neben Reich, viel Grün, hohes nachbarschaftliches Engagement, unterschiedliche Wohngruppen und -projekte – vor mehr als 30 Jahren trotz aller Widerstände durchboxte.

Niklaus Fritschi auf seiner Dachterrasse RP-Foto: Marc Ingel.

Das Geheimnis der Fritschi-Häuser ist eigentlich keines, denn es sind nur ein paar architektonische Kniffe, die dazu führen, dass ein von außen schmal wirkendes und in der Tat zum Teil nur vier Meter breites Haus von innen ungewöhnlich großzügig erscheint und hohe Wohnqualität vermittelt. Über mehrere Etagen verteilt sind die Wohnräume äußerst flexibel nutzbar, Schlaf- oder Wohnzimmer können oben wie unten eingerichtet werden. Barrieren im Raum sollten vermieden werden, das Licht (deckenhohe Fenster sind Standard) muss sich entfalten können. Fritschi baut nur offene Küchen. „Wenn einer meckert, das würde aber in der ganzen Wohnung stinken, dann sage ich ihm, er soll lecker kochen, dann riecht es angenehm.“ Auch Tiefgaragen gibt es bei ihm nicht, „dafür fehlt bei kleinen Grundstücken einfach der Platz“, stattdessen wird auf Carports gesetzt. Wichtig auch: Stets gibt es einen kleinen Lichthof, gerne rankt sich dort der Wein bis in die oberen Etagen oder auch rüber zum Nachbarn. Vertikale Gärten nennt Fritschi das. Beim Haus an der lauten Bergischen Landstraße hat Fritschi einfach eine Doppelfassade eingesetzt, so wird der Lärm geschluckt. Und: Seine Häuser kann man immer von zwei Seiten aus erreichen, „wenn du jemand nicht treffen willst, dann gehst du halt hinten raus“. Dann ist da noch die Farbe: „Für mich nicht mehr als das Dekor, der Schmuck, das Zugeständnis an das Emotionale.“

Das Haus an der Ecke zur Bergischen Landstraße hat zur lauten Straße hin eine Doppelfassade, die den Lärm schluckt. Foto: Walbeck.

Allerdings: Solche Häuser werden heute nicht mehr gebaut, das Baugesetz schreibt Barrierefreiheit als oberstes Gebot vor. Das kann der Schweizer mit seiner Bauweise auf kleinstem Raum nicht leisten. „Das treibt mich um“, sagt der 73-Jährige. „Nichts gegen Barrierefreiheit, aber muss das überall sein?“ Fritschi regt an, die Standards zu hinterfragen. „Sonst wird der soziale Wohnungsbau genauso teuer wie eine Penthouse-Wohnung mit Top-Ausstattung – und das Baugesetz zu einer Bremse.“ Der Vorteil seines Baustils liegt auf der Hand: Das Verhältnis zwischen Grundstücks- und Wohnfläche ist bei seinen Häusern derart frappierend, „das kannst du mit einem Hochhaus nicht erreichen“, sagt er.

Das erste Fritschi-Haus an der Heinrich-Könn-Straße, in dem Roten Turm wohnt der Architekt selbst. Foto: Ingel.

Niklaus Fritschi arbeitet in dem violetten Haus an der Ecke Bergische Landstraße, stellt Kunst im Grünen Turm aus und wohnt auch heute noch in dem Roten Turm an der Heinrich-Könn-Straße. Hier spiegelt sich das Wohnraumkonzept. Klar, es gibt mehrere Wendeltreppen nach oben, mag sein, dass der 73-Jährige dann eines Tages doch noch mal umziehen muss, „aber so lange...“ Nichts ist hier luxuriös, ein normaler Werkstattboden, die Bäder haben den Standard von sozialem Wohnungsbau, wie er selber sagt, „keine goldenen Wasserhähne“. Aber jeder vom Lichteinfall geprägte Raum vermittelt ein anderes Flair. Fritschis Liebe zur Kunst ist überall spürbar, fast wäre er selbst ein Künstler geworden, „es hat nicht viel gefehlt“.

Im Sommer lässt er die Wohnungstür offen, dann kommen die Nachbarn rein, sitzen an dem Holztisch in der Küche, essen, trinken, rauchen. So ungefähr hat Niklaus Fritschi sich das Leben vorgestellt. Nur, dass seine Art zu bauen jetzt nicht mehr gefragt, ja sogar verboten ist – das wurmt ihn schon sehr.

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