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Düsseldorf: Der letzte Hexen-Prozess in Gerresheim

Düsseldorf : Der letzte Hexen-Prozess in Gerresheim

1738 ließen Helena Curtens und Agnes Olmans ihr Leben auf dem Scheiterhaufen. Eine neue Publikation fasst die vier Vorträge von Wissenschaftlern zusammen, die im Vorjahr zu diesem Thema auf großes Interesse stießen.

1737 wurden in Gerresheim, einem verschlafenen kleinen Städtchen östlich von Düsseldorf, die damals 16-jährige Helena Curtens und Agnes Olmans, ungefähr 45 Jahre alt, der Hexerei angeklagt. Im Jahr darauf wurden sie nach einem aufwendigen Prozess auf dem Gallberg verbrannt. Olmans Tochter Sibilla, ebenfalls verdächtig, hatte Glück, sie kam frei. Den Frauen wurde vorgeworfen, mit dem Teufel einen Pakt abgeschlossen, gar Geschlechtsverkehr mit ihm gehabt und obendrein Hostien geschändet zu haben.

Als Beweise dienten Richter Johann Sigismund Schwarz unter anderem Schneckenhäuser, die Helena Curtens "ausgeworfen" haben soll - aus heutiger Sicht kaum vorstellbar: Der Jurist setzte sich am Ende durch, die beiden Frauen wurden hingerichtet. Richter Schwarz, als scharfer Hund bekannt, erhielt die von ihm erhoffte Beförderung. Und das alles in Zeiten der Aufklärung.

Gerresheim erlangte in den Geschichtsbüchern eine traurige Berühmtheit, denn der beschriebene Hexenprozess soll der letzte seiner Art im Rheinland und dem weiteren Umfeld gewesen sein. Lange wurde der Mantel des Schweigens über die Ereignisse gelegt. Erst 1987, als die Hexenverbrennung auf einem Karnevalsorden thematisiert wurde, erinnerte man sich daran. Doch noch vor drei Jahren scheiterte eine öffentliche Rehabilitierung von Helena Curtens und Agnes Olmans im Düsseldorfer Stadtrat.

In Gerresheim stellte man sich jedoch der Vergangenheit. 1989 wurde auf Initiative von Ehrenamtlichen ein Gedenkstein an der Dreherstraße aufgestellt, vor zwei Jahren benannte man die Grünfläche dann nach den hingerichteten Frauen. Er heißt seitdem, Guinness Buch verdächtig lang, wie nicht nur Bezirksvorsteher Karsten Kunert findet, "Helena-Curtens-und-Agnes-Olmans-Platz".

Als Folge der Diskussion im Beschwerdeausschuss gab es im Vorjahr in Gerresheim darüber hinaus eine vom Stadtarchiv organisierte Reihe mit vier Vorträgen von Wissenschaftlern, die nun in Buchform zusammengefasst wurde. Ziel der Publikation, so Herausgeber Benedikt Mauer: "Wir wollten keine isolierte Darstellung des Gerresheimer Hexenprozesses, sondern das Phänomen in einer größeren Bandbreite darstellen." Erika Münster-Schröer rollt den Prozess noch einmal auf, hinterfragt die Rolle von Richter Schwarz und ordnet die Hintergründe auch in ihre historischen Zusammenhänge ein. Im ersten Kapitel beschäftigt sich Wolfgang Behringer mit Hexenglaube und -verfolgung in der Geschichte und zeigt auf, wie der Vorwurf der Hexerei bis in die Gegenwart hinein instrumentalisiert wird, um andere Menschen zu diskreditieren. "In Tansania zum Beispiel wurden noch bis 1990 Tausende aus diesen Gründen umgebracht", weiß Mauer.

Den Umgang mit Hexerei im Herzogtum Jülich während der Regierungszeit von drei Herzögen im 16. und 17. Jahrhundert - von Skepsis über Aberglaube bis zu politischem Missbrauch - dokumentiert Rita Voltmer. Ihr Fazit: Die Landesherren benutzten ihre Macht, über Leben und Tod entscheiden zu können, vor allem als Beleg ihrer Unabhängigkeit. Zum Abschluss befasst sich Felix Wiedmann mit der Neuerfindung von Hexen in der Moderne. Er beschreibt Klischeedenken, geht zum Beispiel aber auch auf die NS-Zeit ein, als Heinrich Himmler Horden von Historikern beschäftigte, um eine Hexenkartothek anzulegen, die belegen sollte, dass die Kirche die Alleinschuld an der Verfolgung trage.

(RP)