Gerresheim : Das Rätsel der 7000 Flaschen

Gaby und Peter Schulenberg dokumentieren die in einem Keller gefundenen Musterflaschen der Glashütte.

Die Hälfte ist geschafft, mehr als das sogar: Vor Gaby und Peter Schulenberg steht in ihrem Schuppen in einem Hinterhof an der Dreherstraße die Kiste mit der Aufschrift "69". Sie ist randvoll mit leeren Flaschen, alten Flaschen, deren Entstehung bis in das Jahr 1953 zurückreicht. 7000 davon wurden im Dezember 2014 in einem in Vergessenheit geratenen Luftschutzkeller auf dem alten Glashüttengelände in Gerresheim gefunden. Die Schulenbergs haben sich bereiterklärt, sie zu dokumentieren. Es handelt sich um Musterflaschen - auch Gurken- oder Einmachgläser sind darunter - aus der Produktionszeit bis 1991.

Die Arbeit der Schulenbergs ist diffizil. "Wir müssen die Flaschen zumindest grob säubern, Rostflecken beseitigen, um noch vorhandene Inschriften oder Etiketten lesen zu können, die womöglich eine Bestimmung oder auch Jahreszahl offenbaren", sagt Peter Schulenberg. Alles Wissenswerte - Höhe, Durchmesser, Farbe, Glasdicke, die chronologische Einordnung oder nicht zuletzt der mögliche Auftraggeber - werden handschriftlich festgehalten und später in eine Excel-Tabelle übertragen, ehe die Flaschen zurück in die Kiste kommen. "Wir wollen das ja eines Tages komplett übergeben, um es hoffentlich einer Art Museum zugänglich zu machen", so Gaby Schulenberg.

Gerade die Frage, was denn später einmal in die Flasche hätte hineinkommen sollen, ist natürlich spannend. Die Form gibt zumeist die Antwort, da die Gerresheimer Glashütte lange fast schon so etwas wie eine Monopolstellung am internationalen Markt hatte. Eine Maggi-, Coca-Cola-, Granini-, Sinalco-, Heineken- oder auch Underberg-Flasche erkennt auch jeder Laie am Design. "Schwerer wird es selbstverständlich bei Sonderanfertigungen in kleinen Mengen", erklärt Gaby Schulenberg. Bisher hat das Archäologenpaar - auch mit Hilfe von Insidern der damaligen Zeit oder alten Katalogen - noch jedes Rätsel lösen können. Vier Kisten schaffen die Schulenbergs im Schnitt pro Monat, "wir haben zwischendurch ja auch noch was anderes zu tun", betont Peter Schulenberg.

Der Glashüttenschatz lagert in einer Scheune im Düsseldorfer Osten, mehr soll aus Angst vor Vandalismus nicht verraten werden. Wie er überhaupt dahingekommen ist, war ein Abenteuer für sich. "Wir hatten mit einer Sondergenehmigung an einem Samstag sechs Stunden Zeit, die zwölf Paletten abzutransportieren, am nächsten Tag wäre der Versicherungsschutz erloschen", berichtet Gaby Schulenberg. 20 Freiwillige des Förderkreises Industriepfad und der archäologischen Gruppe der Schulenbergs packten mit an. "Wir hatten das Geld passend für einen Transport, doch der Spediteur brauchte zwei Fuhren. Er hat uns die zweite Tour erlassen - weil wir so enthusiastisch waren", berichtet die Archäologin.

Inzwischen haben die beiden Forscher im Laufe ihrer Archivarbeit viele Erkenntnisse sammeln können. "Den Drehverschluss, unter Weinkennern verpönt, gab es schon in den 50er Jahren. Ohnehin ist der eigentlich besser als ein Korken, der mit der Zeit luftdurchlässig wird", nennt Peter Schulenberg ein Beispiel. In den 60er Jahren begann die Einwegflasche ihren Siegeszug und löste zunehmend die Pfandflasche ab. "Das System wurde hinterfragt, die Flaschen mussten aufwendig gespült werden, die Leute wurden bequemer", weiß der 70-Jährige.

Rund 3,7 Millionen Flaschen am Tag konnte die Glashütte mit ihren Tochtergesellschaften dank moderner (aber gefährlicher) Maschinen produzieren, der Glasbläser wurde zum Maschinisten. "Es war die Hölle, aber die Rente war sensationell", habe ein früherer Mitarbeiter mit teilweise abgetrennten Fingern den Schulenbergs mal erzählt.

Die hoffen sehr, dass das Erbe der Glashütte mit den Flaschen, Fotos, Dokumenten, Akten eines Tages in einem Museum - vorzugsweise in einem der Gebäude direkt auf dem Gelände - untergebracht wird. "Gebrauchsglas ist museumsreif", sagt Gaby Schulenberg.

(arc)