Schiedsmann : Schlichten statt Richten

Seit 12 Jahren ist Jürgen Fallasch Schiedsmann und vermittelt bei Nachbarschaftsstreits. Er würde sich wünschen, dass mehr Menschen vor dem Gang zum Gericht eine Schlichtung anstreben.

Jürgen Fallasch sitzt oft mit Menschen an einem Tisch, die sich seit Jahren, manchmal seit Jahrzehnten, Feind sind. Oft geht es um Streitpunkte, die von außen betrachtet Lapalien sind: Bäume, die über Grundstücksgrenzen ragen, laut aufgedrehte Fernseher, weggeworfene Zigarettenstummel. Aber, das weiß der 67-Jährige aus Erfahrung, solche Kleinigkeiten summieren sich über die Jahre, steigern sich, und können einen langfristigen Streit nach sich ziehen, der womöglich sogar vor Gericht ausgetragen wird.

Jürgen Fallasch ist Schiedsmann, zuständig für Garath und Hellerhof. Seit 12 Jahren vermittelt er in den Kämpfen am Gartenzaun, 200 Fälle hat er erlebt, zum Großteil Beleidigungen, Ruhestörungen und ähnliches. „Die Menschen wollen oft sofort vor Gericht ziehen“, sagt Fallasch, „meine Kollegen und ich tun unser Bestes, damit es nicht so weit kommt.“ 80 Prozent der Streitigkeiten, die bei ihm ausgetragen werden, konnte er schlichten, sagt Fallasch stolz.

In Deutschland muss die Polizei jede Anzeige aufnehmen. Sie kann allerdings auf geringe Erfolgsaussichten verweisen – oder darauf, dass der Gang zu einem Schiedsmann möglicherweise eine bessere Lösung des Konflikts verspricht, als ein Gerichtsprozess. Bei Nachbarschaftsstreitigkeiten, bei denen keine Straftat begangen wurde, ist der Schlichtungsversuch durch einen Schiedsmann sogar Pflicht, bevor es zum Gericht geht. Hat es beispielsweise eine Beleidigung gegeben, ist es jedoch freiwillig.

„Gericht und Polizei sind überlastet, und wir haben Kapazitäten frei“, sagt Fallasch, der sich wünscht, die Polizei könne Streithähne direkt an ihn verweisen. „Unsere Richter haben wirklich keine Zeit, sich mit einer flüchtigen Beleidigung über den Gartenzaun hinweg zu beschäftigen“, findet der Schiedsmann.

Außerdem ist Fallasch der Meinung, dass sich Probleme in der Nachbarschaft bei einem Schlichtungsgespräch besser und vor allem langfristiger lösen lassen, als wenn eine Seite vor Gericht zieht. „Bei uns geht es darum, eine Lösung zu finden, mit der beide Parteien leben können“, sagt der Schiedsmann. Dabei gehe es nicht darum, Gesetze und Vorschriften genau durchzusetzen, sondern einen Mittelweg zu finden, mit dem alle Beteiligten leben können. „Die Entscheidung muss aus dem Bauch kommen“, sagt Fallasch.

Es gibt nur ein Gespräch, dessen Ziel es nicht sei, dass der Schiedsmann eine Entscheidung trifft, sondern dass sich die im Streit liegenden Parteien auf ein Vorgehen einigen. „Solche Sitzungen können mehrere Stunden dauern“, sagt Fallasch. Oft habe sich der Streit über Jahrzehnte angestaut und der Anlass, der die Streitenden zum Schiedsmann führt, ist lediglich der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Besonders kritisch sei es, wenn unterschiedliche Charaktere aufeinandertreffen. „Wenn ein Künstler neben einem Anwalt wohnt, kracht es häufig aufgrund der verschiedenen Auffassungen“, berichtet der 67-Jährige.

In einer Streitsache kann eine Partei den Gang zum Schiedsmann fordern – der Gegner wird vorgeladen. Wenn dieser nicht erscheint, stellt der Schiedsmann eine entsprechende Bescheinigung aus, mit der dann ein Prozess vor Gericht in die Wege geleitet werden kann. Das passiert auch, falls keine Einigung erzielt wird. Die Sitzung kostet maximal 50 Euro. Wer das Geld bezahlt, muss ebenfalls verhandelt werden. 10 bis 20 Fälle hat ein Schiedsmann in Düsseldorf pro Jahr. „Dabei kann man nicht sagen, ob sich Nachbarn in urbaneren oder ländlicheren Vierteln mehr streiten“, sagt Fallasch.

Er selbst hat vor 12 Jahren eine Anzeige in der Zeitung gesehen: Schiedsmann gesucht. Als er sich erkundigte und fragte, welche Voraussetzungen gegeben sein müssten, war die Antwort: Keine. Dennoch, das hat der 67-Jährige seither gelernt, muss ein Schiedsmann einiges können. „Es geht darum, ein Gespür für die Situation zu bekommen. Man ist der Herr der Situation, bietet aber beiden Parteien den Raum, sich zu entfalten und darzustellen“, sagt Fallasch, der in Seminaren in ganz Deutschland Schiedsleute ausbildet.

Für ihn ist das Amt ein wichtiger Bestandteil des Rechtssystems – und für die Beilegung von Streitigkeiten effizienter als die Gerichte. „Wenn die Menschen mein Büro in der Garather Freizeitstätte verlassen, dann haben meistens beide Parteien einen Kompromiss gefunden. Wenn ein Richter ein Urteil fällt, gibt es immer einen Verlierer.“