Ein Arzt erzählt von der Seenotrettung: Arzt als Seeretter im Einsatz

Ein Arzt erzählt von der Seenotrettung : Arzt als Seeretter im Einsatz

Robert Bellin berichtete im Zentrum plus über seine Erfahrungen im Mittelmeer.

Zwei Wochen war Robert Bellin im Jahr 2017 mit der  Seawatch 2 im Mittelmeer unterwegs und rettete Flüchtlinge. Am Freitag kam er auf Einladung des Bündnisses „Garath tolerant und weltoffen“, um von seinen persönlichen Eindrücken zu berichten.

Seit sechs Jahren ist Bellin als Arzt für Innere Medizin am Alexianer-Krankenhaus in Krefeld tätig und lebt mit seiner Familie in Dormagen. Sein Besuch in Garath geht auf eine alte Verbindung zurück; hier verbrachte er während seines Studiums in Düsseldorf eine intensive Zeit. In der Bezirksvertretung Garath-Hellerhof vertrat er mit beratender Stimme rund fünf Jahre lang Bündnis 90/ Die Grünen. „Ich wollte mich damals politisch engagieren, bei den Grünen gab es wenige aktive Mitglieder und mich hat jemand angefragt“, erinnert er sich. „Unbedarft“ sei der richtige Ausdruck für seine damalige Ausgangslage. „Ich bin dann aber sehr aktiv geworden und hatte gute Unterstützung“, setzt er schmunzelnd hinzu. Nach 2015 war es vorbei mit der Politik: Die Arbeit als Arzt spannte ihn zeitlich vollends ein.

In die Ferne führte es ihn trotzdem:  2017 engagierte er sich auf der Seawatch 2, einem zivilen Schiff für die Seenotrettung von Flüchtlingen im Mittelmeer. „Ich habe eine Reportage darüber gesehen, war zu einem Treffen der Hilfsorganisation in  Berlin und das hat mich überzeugt“, erklärt der 39-Jährige. Ab Malta stach das Schiff in See: 14 Crewmitglieder unterschiedlichster Nationalitäten und Kompetenzen für zwei Wochen auf engem Raum in extremen Situationen. Teamgeist hatte oberste Priorität bei der Auswahl der Bewerber, so Bellin. „Etwas aufgeregt war ich schon, als ich an Bord ging, so richtig wusste man nicht, was einen erwartet“, gesteht er.

Was er erlebte, das schildert er am Freitag rund 40 Menschen im Zentrum plus. Von seinen Einsätzen ziehen beklemmende Bilder vorüber: Menschen, die aus sinkenden Schlauchbooten springen, viele Kinder, Panik, Verzweiflung, angsterfüllte Schreie, eine Ertrunkene, erschöpfte Flüchtlinge auf überfüllten Decks. Der Alltag freiwilliger Seenotretter. Da schafft auch Robert Bellins sachliche Stimme keine Distanz, die Tragödie kommt nahe. „Nach zwei Wochen waren wir mit unseren Kräften am Ende“, stellt er nüchtern fest.

Vor und nach der Reise werde psychologische Hilfe angeboten. Er selbst ziehe sich eher zurück, um das Erlebte zu verarbeiten. „Menschen aus Seenot müssen gerettet und in einen sicheren Hafen gebracht werden“, betont Bellin mehr als einmal im Laufe des Abends. Doch was passiert dann? Die bedrückende Ohnmacht wird auch im Publikum spürbar. Inzwischen ist Robert Bellin passives Fördermitglied bei Sea-Watch e.V. Prinzipiell kann er sich einen weiteren Einsatz vorstellen. Doch „ich bin vor zwei Jahren Vater geworden und ein sehr aktiver“, erklärt er seine familiäre Situation. Kontakt zu seiner Crew hat er noch immer. Die Hoffnung, dass Europa eine politische Lösung für die Geretteten findet, gibt er nicht auf.