Düsseldorf-Friedrichstadt: Am Ende der Tätowier-Straße

Düsseldorf-Friedrichstadt : Am Ende der Tätowier-Straße

An der Corneliusstraße gibt es diverse Tätowier-Läden. Bei "Good Bye Tattoo" kann man die Werke nun auch wieder loswerden.

Vier von fünf Besuchern der Corneliusstraße wollen sich ein Tattoo stechen lassen. Auf diese Idee zumindest könnte kommen, wer die Geschäfte betrachtet: Vier Tattoo-Studios gibt es, dicht an dicht. Jedes buhlt um Kundschaft. Hinter den Schaufenstern sitzen Künstler, die nicht Pinsel, sondern Stechnadeln führen und deren Leinwände die menschliche Haut sind. Dirk Klesper (49) ist so einer. Seit 20 Jahren tätowiert er in seinem Studio "Inkspiration Arts". Dunkel ist es hier, aber unfassbar bunt. Reizüberflutungsgefahr wie im Atelier eines Künstlers.

Der Eingangsthese folgend sucht einer von fünf Besuchern keines der Studios auf - und landet dann aber trotzdem bei Dirk Klesper. Denn zwei Häuser neben "Inkspiration Arts" herrscht Kontrastprogramm. "Good Bye Tattoo" steht da am Fenster, ganz am Ende der Corneliusstraße.

Seit einem Jahr kann man hier Permanent-Make-up und Tattoos per Laser entfernen lassen. Ausgerechnet der Tätowierer Dirk Klesper hat es eröffnet, "weil die Kunden danach gefragt haben", sagt er. Schon von außen ist zu erkennen: Hier herrscht nicht Kreativität, sondern Sterilität.

Wer sich ein Tattoo stechen lässt, der setzt schon lange kein Zeichen mehr für die Ewigkeit. Der Name des Partners, Symbole oder der Lieblingsspruch - laut Klesper sind das nach wie vor die beliebtesten Motive. Bei der Entfernung sehe das ähnlich aus. "Die Zeit des Arschgeweihs ist längst vorbei", sagt er, und zum Ende dieses Trends hat er selbst beigetragen.

Das Flair im Laserstudio gleicht dem einer Praxis. Alles clean. Kunden nehmen auf durchsichtigen Stühlen Platz. Die Wände reflektieren Neonlicht. Wer Dirk Klesper zwei Häuser weiter kennengelernt hat, bekommt Kopfkino von einem Graffiti-Sprayer, der nachts um die Häuser ziehen und Wände verziert, nur um tagsüber mit dem Ordnungsamt die Kunst wieder zu entfernen. "Nein", sagt Klesper. Ein Antikünstler sei er nicht. "Menschen verändern sich. Ich korrigiere ihre sichtbaren Fehler. Ich schaffe Platz für neue Kunst."

Vor allem kommen Kunden aus Unzufriedenheit zu ihm, wegen schlecht gestochener Motive. Pinselei in der Tattoo-Szene. Der 49-Jährige kennt dieses Gefühl der Unzufriedenheit. Ein einziges Tattoo hat er sich entfernen lassen, einen verunglückten Stern. Es war seine allererste Tätowierung, die "Fehlentscheidung eines 16-Jährigen".

Bei der Behandlung schießt der heiße Laserstrahl in Millisekunden auf die Haut. Die Hitze zersprengt die Farbpartikel unter der zweiten Hautschicht. In Kleinteilen gelangen sie in die Blutbahn und werden vom Körper abgebaut. Vier Wochen sollten zwischen den Sitzungen liegen, erklärt Klesper. "Der Schmerz beim Stechen und beim Lasern ist ähnlich." Was bestenfalls bleibt, ist eine kaum sichtbare Hautrötung.

Als er das erzählt, betritt eine Kundin das Studio. Sie hat ihre Freundin und reichlich Frust mitgebracht. Ein Tattoo, das sie im Winter 2015 hat stechen lassen, sollte symbolisch sie und ihre beiden Kinder abbilden. "Aber es sieht aus wie eine Krake", sagt die Deutsch-Türkin. Knapp 90 Euro habe es gekostet, nun könnten es für die Entfernung 120 pro Lasersitzung werden.

Die Konkurrenz auf der Corneliusstraße sieht Dirk Klesper nicht in der Rolle des Spielverderbers. Im Studio "Rattatattoo" auf der gegenüberliegenden Straßenseite sitzt Oliver Leu. Bei ihm holt sich die Frau mit dem verunglückten Familien-Tattoo eine zweite Meinung ein. "Sein Konzept ist doch clever", sagt Leu über die Studios von Klesper, als er den Arm der Düsseldorferin begutachtet. Doch einen Laser wolle Leu nicht bedienen. Er rät der Kundin, das verunglückte Motiv zu "covern", das heißt, das Motiv zu übermalen. Das entspreche seiner Philosophie: "Ich korrigiere Kunst lieber mit Kunst."

(ball)
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