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Serie Mit der RP und den Stadtwerken durch die Düsseldorfer Viertel: Unterwegs in Flingerns Mitte

Serie Mit der RP und den Stadtwerken durch die Düsseldorfer Viertel : Unterwegs in Flingerns Mitte

In einer neuen Serie stellt die Rheinische Post ab jetzt jeden Samstag Düsseldorfs schönste Viertel vor. In dieser Ausgabe geht es um Flingern, wo rund um den Hermannplatz ausgefallene Gastronomie, Geschäfte und Galerien aufeinandertreffen.

Drei Regeln. Mehr nicht. Drei Regeln gilt es, zu befolgen, wenn man sich auf einen Rundgang durch Flingerns Mitte aufmacht. Erstens: Flingern ist nicht der Prenzlauer Berg. Auch nicht ein bisschen. Zweitens: Flingern ist mehr als die Ackerstraße. Drittens: Die Dorotheenstraße darf überquert werden. Wer dies befolgt, hat nicht nur das Viertel und seine Grundsätze verstanden, sondern er wird auch all jene Cafés, Geschäfte, Galerien und Restaurants entdecken können, die das Viertel zu einem einzigartigen Kosmos in der Mitte von Düsseldorf machen.

Auch Philipp Hanenberg wiederholt immer wieder, worauf es in Flingern ankommt. Er steht irgendwo auf der Ackerstraße zwischen dem Café Hüftgold und dem Blumenladen La Terra. "Im Prenzlauer Berg, da müssen alle gleich sein. Wer das nicht ist, passt nicht ins Viertel. So sind wir hier überhaupt nicht. In Flingern darf jeder so sein, wie er will." Hanenberg wohnt schon seit mehr als 30 Jahren in Flingern und ist zum Beispiel Mit-Organisator der Einkaufsnacht "Flingern at Night". Er war schon da, als das Viertel noch als gefährliche Gegend verschrien war. Er erzählt von Schlägereien zwischen den verfeindeten Jugendbanden der Spielplätze am Hermannplatz und der Neanderstraße, spricht von Zeiten, in denen man nach Anbruch der Dunkelheit nicht einmal mehr das Haus verlassen konnte.

Bei Flingern at Night strömen jährlich tausende Besucher nach Anbruch der Dunkelheit ins Viertel. Foto: Endermann, Andreas

Angesichts der vielen Geschäfte mit so freundlich klingenden Namen wie "Kleine Botschaft" oder "Unterhaltung" scheinen diese Zeiten so weit weg wie das Mittelalter zu sein. Flingern — zumindest sein nördlicher Teil — wirkt heute ungefähr so gefährlich wie Fahrradfahren mit Stützrädern. Was nicht heißen soll, dass in dem Viertel nichts los ist. Im Gegenteil: Wer will, kann sich stundenlang treiben lassen, Kaffee in sämtlichen Variationen schlürfen, selbst gebackenen Kuchen wie bei Mutti genießen, Krimskrams und große Mode erstehen sowie in den vielen Galerien Kunst aller Geschmacksrichtungen bewundern.

Da wäre zum Beispiel Wunderwerk an der Ackerstraße 113. Junge Designer verkaufen dort ihre frei von Kunststoffen gefertigte Kleidung. Fairtrade, versteht sich. Der Trend zur Nachhaltigkeit hat bereits Einzug gehalten in Flingern — auch bei Elementarteilchen ein Stück weiter: Inhaberin Christiane Koch verkauft dort gebrauchte Mode, Taschen und Schuhe. "Ich habe echt nicht viel Ahnung von Mode, aber sie macht ihr Ding echt gut", sagt Philipp Hanenberg. Ein Stückchen weiter die Ackerstraße hoch bietet germanmade Tablet- und Smartphone-Hüllen an. Dass man damit tatsächlich einen ganzen Laden am Leben halten kann, scheint verwunderlich. Nicht für Hanenberg: "So ist es eben hier in Flingern. Unsere Läden sind inhabergeführt, vieles ist handgemacht. Solche Qualität gibt es kaum noch."

Bücher, Kleidung, Tee, Taschen — bei Unterhaltung an der Ackerstraße 161 werden Produkte kleiner Firmen verkauft. Foto: Endermann, Andreas

Selten findet man in Düsseldorf auch so viel Gastronomie an einem Ort wie in Flingern: Vietnamesen, Chinesen, Afrikaner, Italiener, Verfechter der vegetarischen Kochkunst und bürgerliche Küche — um alles auszuprobieren braucht man wohl Wochen. Tut man dies, stößt man laut Hanenberg auch auf die beste Pizza Düsseldorfs, und zwar in der "Principale Pizzabar" an der Lindenstraße. Wo es den besten Kaffee, den süßesten Kuchen und die ausgefallensten Teesorten gibt, darüber gehen die Meinungen auseinander: Café Hüftgold, Oma Erika, Café Rekord — es ist fast egal, wo man hingeht, lecker ist es am Ende überall.

Neu ist Frau Wasser an der Platanenstraße. Im Erdgeschoss eines Wohnhauses wird dort seit einem halben Jahr der beste Käsekuchen im Viertel serviert. Aber Flingern ist doch auch gelebte Gentrifizierung, oder? Denn erst vor kurzem ist bekannt geworden, dass der Komplex Ackerstraße 144 von einem Investor gekauft wurde, alle Mieter wie das alteingesessene Theater Flin sowie die Trinkhalle, Wohnzimmer und Lieblingsbar vieler Flingeraner, müssen raus. "Natürlich ist das ein Verlust", sagt Philipp Hanenberg. Aber es gebe in Düsseldorf auch noch weitaus höhere Mieten als in Flingern. Junge und alte Menschen würden im Viertel gleichermaßen zusammenleben. Am Samstag trifft man sie dann alle: Zugezogene, Urgesteine, Studenten und Familien, wenn am Hermannplatz Markt ist. Dann geht Flingern einkaufen, trinkt Kaffee und genießt das Leben im Stadtteil. Und wer sich an die drei goldenen Regeln hält, wird sicher ein Plätzchen zwischen ihnen allen finden.

(lai)