Flingern/Wersten: Nicht verzagen, Bonsmann fragen

Flingern/Wersten: Nicht verzagen, Bonsmann fragen

Das Haus Ruhrtalstraße 5, in dem Trude Bonsmann mit ihren Eltern wohnte, wurde 1943 ausgebombt. Doch die Familie wusste sich zu helfen, improvisierte, überlebte. Aus dieser Zeit hat die 88-Jährige viele Fotos aufbewahrt.

Es ist nicht so, dass die Geschichte von Trude Bonsmann an dieser Stelle aus einem bestimmten Anlass erzählt werden sollte. Sie beginnt an Pfingsten 1943 in Flingern. Das ist fast 73 Jahre her, alles andere als ein runder Jahrestag also. Dass sich die 88-Jährige aber noch so genau an diese Tage und an alles, was sich danach in ihrem Leben zugetragen hat, erinnern kann, dass sie noch über viele Fotos verfügt, das macht ihre Geschichte so besonders. Sie ist gleichzeitig ein Stück Zeitgeschichte aus zwei Stadtteilen. Daher sollte sie erzählt werden.

Trude Bonsmanns Schwester Annemie an dem aus den Trümmern geretteten Kohleherd Foto: Marc Ingel

Im Juni 1943 wird das Haus Ruhrtalstraße 5, in dem Trude Bonsmann mit ihren Eltern und einer jüngeren Schwester - eine zweite ist zu diesem Zeitpunkt mit der Landverschickung außerhalb der Stadt - seit zehn Jahren wohnt, bei einem Luftangriff der Alliierten ausgebombt. "Ein Blindgänger hatte zudem direkt vor der Tür eine Wasserleitung getroffen. Wir haben noch verzweifelt versucht, zu löschen, natürlich umsonst", erzählt die damals 16-Jährige. Überlebt haben sie den Angriff im Keller, die Waschküche wird für die nächsten Monate auch zur neuen Schlafstätte. "Unsere Wohnung war nicht so einsturzgefährdet wie andere, wir konnte noch einige Sachen retten", sagt Bonsmann, die zu der Zeit noch mit Familiennamen Schmitz hieß. Wie den Kohleherd, den der Vater, der damals bei Phoenix Rheinrohr in der Rüstungsindustrie arbeitete, aus den Trümmern zog. Den Hof richtete sich die Familie tagsüber als ihr provisorisches Zuhause ein, ein Pferdestall diente als Abstellraum. Um die Ecke auf der Erkrather Straße wurde bei Schmitze Buur (heute Clube Portugues) das Bier geholt. "Wir mussten durch die Trümmer turnen, um zur Straßenbahn zu kommen. Wir wussten uns aber immer irgendwie zu helfen."

Die 88-Jährige blättert in ihrem Fotoalbum, das viele Erinnerungen birgt. Foto: Marc Ingel

Drei Monate später zog Trude Bonsmann mit ihrer Familie nach Wersten. Sie fanden Unterschlupf bei einem alleinstehenden Mann, der bei sich an der Undinenstraße Opfer der Luftangriffe einquartierte. "Wir Kinder haben zunächst Rotz und Wasser geheult, in so ein Vorstadtnest wollten wir nicht. Aber wir haben uns mit der Zeit arrangiert, fühlten uns irgendwann wie richtige Werstener", blickt die 88-Jährige zurück. Später zog man zur Werstener Dorfstraße. 1960 heiratete die Technische Zeichnerin, die bei Mannesmann Kraftwerksleitungen für den Rohrleitungsbau zu Papier brachte, Werner Bonsmann. "Mein Mann erinnerte mich immer ein wenig an meinen Vater, er war ähnlich praktisch veranlagt", erzählt sie. "Nicht verzagen, Bonsmann fragen", dieser Spruch kursierte in der Nachbarschaft - und er galt für beide Eheleute, die zunächst am Geißlerweg heimisch wurden, 1965 aber nach Langenfeld zogen. "In Düsseldorf gab es damals einfach kein günstiges Bauland", begründet Trude Bonsmann diesen Schritt.

Die 16-jährige Trude mit ihrem Vater Jakob Schmitz. Nach dem Bombenangriff wurde im Hof gegessen. Foto: Marc Ingel

Das Haus Ruhrtalstraße 5 in Flingern wurde später wieder aufgebaut, das mit der Hausnummer 3 ebenso wenig wie das Eckhaus an der Erkrather Straße, dort befindet sich jetzt ein Parkplatz. Trude Bonsmann weiß noch, wie es vor 1943 dort aussah, "das ist heute alles völlig verändert", sagt sie. Die Fotos in ihrem Album erzählen davon - und davon, wie man sich mit wenigen Mitteln einer Situation anpassen kann, die sich nicht ändern lässt.

(RP)