Flingern-Süd: Im Kirschgarten hinter der Kiefernstraße

Theater : „Der Kirschgarten“ in der Kiefernstraße

Regisseurin Marlin de Haan hat sich mit dem öffentlichen Raum beschäftigt. Heute Abend sind noch Vorstellungen.

Als 1904 Anton Tschechows „Der Kirschgarten“ im Moskauer Künstlertheater uraufgeführt wurde, waren der heutige Immobilienhype und die Verdrängung von Freiräumen noch weit weg. Trotzdem hat das Stück über den Verkauf eines wunderschönen aber wirtschaftlich nutzlosen Kirschgartens nichts an seiner Aktualität verloren. Das beweist die rund einstündige Aufführung von „Der Kirschgarten“ des FFT rund um die Kiefernstraße. Die ehemals besetzten Häuser dienen in der Inszenierung von Marlin de Haan als Kulisse und zugleich als Sinnbild für eine städtische Gesellschaft, in der sich immer mehr Menschen das Wohnen nicht mehr leisten können. Daneben wird auch der Verlust an kulturellen Institutionen angeprangert, weil die letzten Rückzugsorte für alternatives Leben weniger werden. Auf diesen Umstand weisen die Macher des Stückes auch im Kulturbureau K4, das als Ausgangspunkt des Stückes dient, hin. Dort hängt eine rote Liste mit gefährdeten Kulturorten wie die der Kulturvereine Brause oder Damen und Herren.

Mit einer großflächigen Videoprojektion an eine Hauswand der Kiefernstraße wird in die Thematik eingeführt, in O-Tönen, die von Kiefernstraßen-Bewohnern kommen, ist zu hören, wie das gemeinschaftliche Leben funktioniert. Als 1981 die ersten Häuser auf der Kiefernstraße besetzt wurden, ging es den Besetzern nicht nur um Wohnraum, sondern auch um den Erhalt der alten Bausubstanz und um einen Freiraum, in dem ein anderes gesellschaftliches Modell gelebt werden konnte.

Auf eine Häuserwand an der Kiefernstraße wird ein Video projiziert, in dem Anwohner über das Zusammenleben erzählen. Foto: Endermann, Andreas (end)

Um einen Eindruck davon zu bekommen, müssen die Zuschauer erstmal durch ein Mauerloch klettern. Denn hinter der Mauer ist Düsseldorfs letzte verbliebene Wagenburg, eine Art alternativer Dauercampingplatz. Gut abgeschirmt von der Häuserreihe der Kiefernstraße auf der einen Seite und dem Industriegebiet rund um die Pinienstraße auf der anderen Seite verbirgt sich ein waldiges Kleinod. Die Zuschauer nehmen umgeben von Birken und selbst gezimmerten Bauwägen Platz, von oben flattern langsam verwelkte Birkenblätter zu Boden. So idyllisch muss sich wohl auch Tschechow seinen Kirschgarten vorgestellt haben. Auf drei kleinen Bühnen treten dann drei Schauspieler in Plüschkostümen auf und halten Monologe über die Wohnproblematik. Die Texte beruhen auf Interviews, die de Haan und ihr Team mit rund 30 Düsseldorfern gemacht haben. Gerade deswegen ist das Stück von einer eindringlichen Aktualität geprägt.

Und trotzdem verliert es nie den Bezug zu Tschechow. Denn in der literarischen Vorlage wird der Kirschgarten zum Schluss verkauft und landet im Besitz von englischen Bergbau-Ingenieuren, die den Garten schnell abholzen lassen. „Der Kirschgarten ist verkauft, aber etwas Besseres wird kommen“, sagt die Schauspielerin. Einen Eindruck, wie diese neue, investorengesteuerte Stadt aussieht, bekommen die Zuschauer im wunderbaren Finale des Stücks. Durch einen langen, dunklen und mit Bäumen gesäumten Weg führen die drei Performer in ihren Plüschkostümen die Zuschauer. Der Ausgang des Weges gibt den Blick frei auf einen unwirtlichen Parkplatz, das überall auf der Welt gleiche Gebäude einer amerikanischen Hamburgerkette und den Zweckbau eines Fitnesscenters. So idyllisch die Szenerie der Wagenburg war, so brutal endet das Stück in der Realität einer durchkommerzialisierten Stadt ohne Seele.

Vorstellungen Heute finden noch zwei Vorstellungen von „Der Kirschgarten“ um 19 Uhr und 20.15 Uhr statt. Treffpunkt ist das K4, Kiefernstraße 4. Restkarten gibt es an der Abendkasse.

Mehr von RP ONLINE