Flingern-Süd: Die Kiefernstraße wird zur Theaterbühne

Kultur : Kiefernstraße wird zur Theaterbühne

Die Regisseurin Marlin de Haan will Anton Tschechows „Kirschgarten“ neu inszenieren und mit der Geschichte der Hausbesetzer-Straße in Flingern-Süd verbinden. Aufführungen im Viertel sind Freitag bis Sonntag.

Fasziniert ist die freie Künstlerin schon immer gewesen von der bekannten Straße, die durch Flingern-Süd führt. Von den Menschen und der Geschichte – so viel Geschichte steckt in der Straße, „und wenn man sich mit dem Thema befasst, kommt man nicht um die Kiefernstraße herum“, sagt Marlin de Haan. Für ihr neues Theaterprojekt wollte sie sich mit der Hausbesetzer-Zeit beschäftigen und den Menschen aus der Szene, von denen viele auch heute noch im Viertel leben, sie wollte etwas produzieren für die Menschen und mit den Menschen, dafür ist die 40-Jährige selbst zu einer Art Besetzerin geworden. Und de Haan will sich nicht nur mit dem Ort befassen, der Mittelpunkt ihrer Geschichte ist. Sie will, dass der Ort Teil der Inszenierung wird. „Wir besetzen im weitesten Sinne die Straße – für Kunst und Kultur“, sagt de Haan. „Anders als früher ist aber, dass wir vorher fragen“, so die 40-Jährige.

Eine längere Geschichte erzählt die Regisseurin vom Forum Freies Theater (FFT), wenn sie ihre Idee erklären will. Angefangen hat alles mit einem Stipendium, das Marlin de Haan 2017 bekommen hat – sechs Monate durfte sie nach Istanbul, wo sie intensiv der Frage nachging, welchen Zweck eigentlich eine Bühne erfüllt. „Die Bühne ist ein Objekt, und wenn man die hat, ist das schon ein Vorteil“, sagt de Haan. Wie sie die Aufmerksamkeit der Zuschauer ohne diesen Sockel, der die Blicke anzieht, gewinnt, das fand de Haan spannend, damit wollte sie sich auseinandersetzen und kam zum Schluss, dass sie raus in den Stadtraum muss.

Grundlage für ihr Theaterprojekt an der Kiefernstraße ist „Der Kirschgarten“ des russischen Schriftstellers Anton Pawlowitsch Tschechow, in dem es um den Verkauf des Kirschgartens geht mit all seinen Konsequenzen für die Bewohner. Eine Kopie des Stücks soll die Inszenierung nicht werden, vielmehr werden die Inhalte projiziert auf die Kiefernstraße. Dazu hat Marlin de Haan Interviews geführt mit Bewohnern der Straße und Freunden und Kollegen, mit Aktiven im Stadtraum, wie Alexandra Wehrmann vom Blog „theycallitkleinparis“.

Marlin de Haan hat Fragen gestellt zu Kultur und zum öffentlichen Raum, weil sie fürchtet, dass irgendwann kein Platz mehr da sein wird für Kultur im öffentlichen Raum. Mehr als 30 Antworten hat die Künstlerin zurückbekommen, daraus hat sie eine Textfassung entwickelt, Schwerpunkte gesetzt, schließlich eine dramatische Form gebaut. Eine „halbdokumentarisch-künstlerische Auseinandersetzung“ nennt de Haan das – vorgetragen werden die Texte von drei Sprechern.

Dafür baut de Haan gerade „Speakers‘ Corner“ – kleine Bühnen, die auf der Kiefernstraße stehen werden. An ein festes Skript will sich die Regisseurin nicht halten, sie will mit Anwohnern und Zuschauern interagieren und hofft, dass die Menschen, die kommen, das tun. Und es soll nicht nur bei den Reden bleiben: Marlin de Haan plant ein „Live Mapping“, eine Hausfassade soll mit einem Video bespielt werden. Das Kulturbüro K4 wird Start- und Treffpunkt für die Performer und die Besucher, er wird als Ausstellungsraum genutzt, „was wir genau zeigen, bleibt aber geheim“, sagt de Haan.

Zwei Aufführungen wird es am Donnerstag-, Freitag- und Samstagabend jeweils geben, die alle etwa 40 Minuten lang sind. Start ist um 19 und um 20.15 Uhr, „wir wollen mit der Dunkelheit arbeiten, dann ist die Kiefernstraße nämlich ganz gemütlich“, findet de Haan, die sich inzwischen auch keine Gedanken mehr um das Wetter macht, auch wenn eine Abendveranstaltung Ende Oktober im Freien schon Mut erfordert. Die Prognose ist vielversprechend. Zur Sicherheit hatte de Haan 60 Regenschirme bestellt und allen gesagt, sie sollen wetterfeste Kleidung und Schuhe anziehen.

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