Verlegung der Haltestelle „Flingern S“ in Düsseldorf Niedergang oder Chance für die Birkenstraße

Düsseldorf · Die Straßenbahn-Haltestelle „Flingern S“ soll im Zuge des barrierefreien Ausbaus des ÖPNV vom Dorotheenplatz in die Birkenstraße verlegt werden. Anliegende Gewerbetreibende und Gastronomen kritisieren die geplanten Maßnahmen aufs Schärfste. Das sind die Streitpunkte.

Sie wollen keine Haltestelle in ihrer Birkenstraße: (v.l.) Wieland Freudinger, Gaby Thomas, Bernd Mathea, David Derix, Thomas Mass.

Sie wollen keine Haltestelle in ihrer Birkenstraße: (v.l.) Wieland Freudinger, Gaby Thomas, Bernd Mathea, David Derix, Thomas Mass.

Foto: Anne Orthen (orth)

Täglich steigen mehr als 1500 Menschen an der S-Bahn-Haltestelle „Flingern S“ im Bereich Dorotheenplatz/Flurstraße ein und aus. Die Straßenbahn der Linie 709 befährt eine wichtige Strecke des Niederflur-Stadtbahnnetzes (Wehrhahn-Linie). Nicht zuletzt deshalb wollen Stadt und Rheinbahn ein besonderes Augenmerk auf diese im Zuge des gesetzlich vorgeschriebenen barrierefreien Ausbaus des gesamten ÖPNV legen.

Sehr zum Unmut vieler Einzelhändler und sonstiger Anlieger der Birkenstraße, in welche die Haltestelle nun verlegt werden soll. Kalkulierte Kosten: eine Million Euro. Einzelhändler und Bürger befürchten Umsatzeinbußen, Zulieferschwierigkeiten, Staus und eine generelle Minderung der Lebensqualität in ihrer Straße.

Für die Stadt Düsseldorf und die Rheinbahn ergebe sich hingegen „aus verkehrsplanerischer Sicht die Verlegung des Bahnsteigs in die Birkenstraße als effektivste Lösung, da sich die Haltestelle in dieser Variante zukünftig außerhalb des unmittelbaren Konfliktbereiches vor dem Verkehrsknoten Flurstraße/Dorotheenstraße befindet“, sagt Rheinbahnsprecherin Katharina Natus. Darüber hinaus sei so auch eine Radverkehrsanlage umsetzbar.

Bernd Mathea, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Flin bewertet dies anders. „Die Verlegung der Haltestelle halte ich für falsch und schädlich. Die Verödung der Birkenstraße wird von der Politik und der Rheinbahn billigend in Kauf genommen“, sagt er.

Düsseldorf: Luftbilder zeigen Aufnahmen von oben
61 Bilder

Luftbilder – Düsseldorf von oben

61 Bilder
Foto: D.LIVE

So befürchten er und Gaby Thomas, Inhaberin eines anliegenden Weinladens, unter anderem dass sich „keinerlei Geschäfte mehr ansiedeln, die per Lkw beliefert werden“. Die Anlieferungsmöglichkeiten seien „jetzt schon aufgrund eines Umbaus vor elf Jahren schwer. So wird das fast unmöglich. Die Speditionen werden noch teurer“, so Thomas.

Insbesondere die Nutzlänge der geplanten Haltestelle von 60 Metern steht bei den Anliegern in der Kritik. Diese konkrete Planung betrifft jedoch nicht den barrierefreien Ausbau, sondern geht zurück auf einen Ratsbeschluss im Winter, dass alle Haltestellen auf dieser Stecke in dieser Form ausgebaut werden sollen. Ziel ist die Aufrechterhaltung eines Großteils des Netzbetriebes im Falle einer Störung im Bereich des Tunnels, heißt es von der Rheinbahn.

Daher seien alle Haltestellen auf dieser Strecke – mit Ausnahme der Haltestelle „Worringer Platz“ – auf eine Nutzlänge von 60 Meter auszubauen, damit diese von den Stadtbahnen, die auf der Wehrhahnlinie eingesetzt werden, für mögliche Umleitungen befahren werden können. In Sachen Anlieferungsmöglichkeiten gebe es die Lösung über eine „unmittelbar angrenzende Ladezone“. Diese ändere an der „unzumutbaren Zuliefersituation“ laut Mathea jedoch nichts, da es „für einen Spediteur ein zu zeitaufwendiger und damit zu teurer Vorgang ist, die Waren mehrmals auf einen Rolli zu laden und im Geschäft händisch zu entladen“.

Auch die Parkplatzsituation würde sich laut Bernd Mathea „erheblich verschlechtern“. Es würden Parkplätze „vernichtet, was die Motivation, hier einzukaufen oder die Gastronomie zu besuchen, weiter stark beschränken wird“.

Mathea, ebenso wie weitere Kritiker der geplanten Maßnahme, vermuten in der angestrebten Barrierefreiheit ein teilweise nur vorgeschobenes Argument. „Der Zutritt zur Bahn soll barrierefrei sein, okay. Aber Behinderte haben nun längere Wege zur Bahn. Dass die Rheinbahn den Zutritt zur Bahn selbst barrierefrei macht, aber den Weg dahin nicht, kann nicht im Sinne der Sache sein. Das muss man ganzheitlich denken“, sagt der Anwohner und Architekt Wieland Freudiger.

Bilder des Tages aus Düsseldorf
70 Bilder

Bilder des Tages aus Düsseldorf

70 Bilder
Foto: Olaf Oidtmann

Der Künstler Thomas Mass, der in der Birkenstraße ein Atelier führt, sieht „überhaupt kein vernünftiges Argument für die Verlegung der Haltestelle“. Vielmehr wäre es in den Augen der Anwohner ein verkehrstechnisches Desaster und würde zu einem Rückstau bis zur Kreuzung führen.

Die Rheinbahn wiederum bekräftigt: „Der neue Haltepunkt in der deutlich weniger befahrenen Birkenstraße ist ausreichend weit vom Kreuzungsbereich abgerückt, um einen Rückstau in den Knotenpunkt zu vermeiden. Zusätzlich wird die Verschiebung des Haltesteiges durch den Entfall des zusätzlichen Halts der Bahn auf dem starken Linksabbiegestreifen in die Dorotheenstraße für einen besseren Verkehrsfluss sorgen.“

Fraglich, ob sich die betroffenen Bürger von der Argumentation überzeugen lassen. „Möglicherweise macht es sich die Rheinbahn einfach leicht und sucht den Weg des geringsten Aufwands“, vermutet Bernd Mathea. Wieland Freudiger mutmaßt gar: „Ist die Bahn in dieser Frage nicht kompetent oder ist das eine Agenda ?“ Zumindest entstehe der Eindruck, die Politik wolle „Pkw-Stellplätze in der Stadt gezielt eliminieren“.

Den Einlassungen der Anlieger widerspricht Harald Schwenk, Grünen-Fraktionssprecher in der Bezirksvertretung 2: „Ich gönne der Birkenstraße den Parkraum. Aber als Parkgebiet hat die Umgebung mit ihren Seitenstraßen einfach eine Premiumsituation.“ Es gebe weit schlimmere Orte in Düsseldorf und Flingern.

Auch seien „die Ladezonen und etwas weitere Anlieferwege absolut zumutbar“. Der fachpolitische Sprecher im Ausschuss für Wohnungswesen und Modernisierung sieht in der Haltestellenverlegung sogar „einen Gewinn für die Birkenstraße“. Diese habe nämlich „schon immer geschwächelt und ist sequenzschwach“. Nun könnten Passagiere, die unmittelbar vor Ort ein- und aussteigen, auch mehr potenzielle Kundschaft bedeuten.

Das Stichwort, welches die Kritiker vergessen, sei „Sichtbarkeit“. Das sagt auch Sven Schulte, fachpolitischer Sprecher Handel und Stadtentwicklung der Düsseldorfer Industrie- und Handelskammer. „Den Anliegern können die Sorgen nicht gänzlich genommen werden. Es wird auch Einschränkungen geben, die sich im Gegenzug für die Barrierefreiheit ergeben werden“, sagt Schulte. Die neu entstehende Situation könne aber auch als Chance begriffen werden.

Als negatives Gegenbeispiel nennt Schulte die Kölner Straße. „Nachdem vor Jahren die Bahn unterirdisch gelegt wurde, ist die Sichtbarkeit für die dortigen Gewerbetreibenden verloren gegangen, wovon sich die Straße lange nicht erholt hat.“ Solche Sachverhalte seien somit immer Gegenstand gründlicher Abwägungen. „Es gibt keine goldene Lösung. Aber in der Mobilitätsfrage werden uns solche Abwägungen immer häufiger begegnen.“ Die Stadt müsse aber bei den Entscheidungsprozessen Transparenz zeigen.

Anders sieht es die CDU-Fraktion der BV 2. „Die Notwendigkeit einer Verlagerung ist von der Verwaltung nicht überzeugend dargestellt worden“, sagt der Fraktionsvorsitzende Achim Graf. Allein der Wegfall von 15 Stellplätzen in einer Wohn- und Geschäftsstraße ohne Aussicht eines Ersatzes wiege sehr schwer. „Eine Existenzgefährdung der Einzelhändler kann die Folge sein.“