Düsseldorf-Flingern: Nach 50 Jahren aus der Mietwohnung vertrieben

Serie „Wem gehört Düsseldorf?“ : Nach 50 Jahren aus der Mietwohnung vertrieben

Neue Wohnungen sollen an Bruch- und Schwelmer Straße in Düsseldorf-Flingern entstehen. Dafür muss ein Mietshaus abgerissen werden. Die Bewohner wissen davon offiziell noch nichts.

Als Jochen Mühlenbrink 2007 die Räume bezog, war das Viertel noch rauer, waren die Mieten bezahlbar. Zwölf Jahre ist das her. Zwölf Jahre lang hat Jochen Mühlenbrink im Atelier gearbeitet, das an der Ecke Bruchstraße/Schwelmer Straße liegt, im Erdgeschoss des Hauses mit der markanten Fassade.

Doch in wenigen Wochen ist Schluss für den Künstler, im November hat er die Kündigung erhalten, irgendwann im Mai wird er ausziehen müssen, im Viertel wird er nicht bleiben können, auch wenn er gerne würde, weil er nicht weit weg wohnt. „Hier kann ich mir die Miete nicht mehr leisten“, sagt Mühlenbrink, „das nennt man wohl Gentrifizierung.“

Der geplante zweigeschossige Dachausbau ist ein Punkt, den die Politik kritisiert. Foto: Stadt Düsseldorf

Eines hat Jochen Mühlenbrink den anderen Menschen im Haus aber voraus, jenen, die nicht dort arbeiten, sondern wohnen: Er weiß, dass das Haus abgerissen werden soll, ihm ist schriftlich – ohne Nennung von Gründen – gekündigt worden.

Das sieht bei den Mietern anders aus, bei Uwe zum Beispiel, der seinen Nachnamen nicht nennen will, weil er einfach nicht weiß, wie es weitergeht. Seit über 50 Jahren wohnt er in dem Haus, „es ist fast wie mein Elternhaus“, erzählt der Mann, der groß geworden ist an der Bruchstraße. Zufällig hat er erfahren, dass die Stadtteilpolitik über den Abriss des Gebäudes und der Hallen nebenan entlang der Schwelmer Straße entscheiden soll und sprach Brigitte Reich von den Grünen an, die gleich in der Nachbarschaft wohnt.

Die Politikerin kann es immer noch kaum fassen, dass sie und ihre Kollegen aus dem Gremium den Abriss beschließen sollten, ohne dass die Bewohner des Hauses darüber im Vorfeld informiert wurden. „Und uns wurde das Projekt nur vorgelegt, weil wir hier eine Erhaltungssatzung haben“, sagt Reich, die in der Sitzung der Bezirksvertretung viel Unterstützung erfahren hat, parteiübergreifend.

„Das ist eine Sauerei“, fand zum Beispiel Irene Stengel (CDU), auch Linke und SPD schlossen sich den Vorbehalten der Grünen an, die schließlich Beratungsbedarf anmeldeten. Das wird den Abriss aber nur um ein paar Tage, vielleicht Wochen hinauszögern, offenbar hat der Investor schon um eine Sondersitzung gebeten, er will nicht warten, bis das Gremium das nächste Mal tagt.

Angeblich soll der Investor noch Objekte an Fichten- und Birkenstraße besitzen, wo die Mieter der Schwelmer- und Bruchstraße eine neue Wohnungen bekommen. So zumindest sagte es ein Eigentümer-Vertreter in der Sitzung. Erreichbar ist er danach aber nicht mehr gewesen für unsere Redaktion. Von diesem Angebot hat Uwe noch nichts gehört, er will jetzt Kontakt zum Mieterverein aufnehmen. Jochen Mühlenbrink hat ein neues Atelier in Aussicht, in Reisholz. „Dort kann ich die Miete bezahlen“, sagt der Künstler.

Dass Menschen wie Jochen Mühlenbrink und Uwe jetzt aus dem Viertel müssen, bedeutet für Brigitte Reiche eine Entwertung des Stadtkerns. Denn die alten Häuser und die Hallen nebenan, wo sich noch eine Kfz-Werkstatt befindet, die im Mai schließen wird, sollen einer Neubebauung weichen, 60 Wohneinheiten sind geplant, die Bauvoranfrage wurde der Bezirksvertretung bereits im Januar dieses Jahres vorgelegt.

Damals äußerte die Politik schon Bedenken, bat die Verwaltung um Überarbeitung. Doch der massive Dachausbau etwa, der kritisiert wurde, ist geblieben. „Natürlich darf jeder eine Meinung haben, aber es gibt einen Fluchtlinienplan, das Dach fügt sich in die nähere Umgebung ein und die Erhaltungssatzung ist berücksichtigt“, sagte Nicola Seegers von der Bauaufsicht, die zum zweiten Mal mit ihren Ausführungen auf Granit biss. Denn auch über die Bauvoranfrage wollte das Gremium nicht entscheiden, ohne dass es weitere Erklärungen gibt.

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