Düsseldorf-Flingern: Künstler kämpfen um ihre Ateliers

Wohnen in Düsseldorf : Künstler kämpfen um ihre Ateliers

Viele der Kreativen von der Flurstraße finanzieren ihr Leben mit der Kunst und können sich deutlich höhere Mieten nicht leisten.

Einen kleinen, elektrisch betriebenen Heizkörper schiebt Maria Gilges ganz nah an den Tisch, der mitten im Raum steht, an dem einige ihrer Nachbarn aus dem Haus schon sitzen. Die meisten dick eingemummelt in Schals und Winterjacken; Kaffee- und Teebecher haben manche in der Hand. Ulrike Möschel ist da und Thomas Ruch auch, Christoph Zeidler, Luis Salgado, Tomasz Piwarski und Nina Fandler kommen noch dazu. Sie alle sind Künstler, haben seit mehr als zehn Jahren, manche sogar fast 20 Jahre, ein Atelier an der Flurstraße, in einem Hinterhof, der ein bisschen versteckt liegt, von dem viele gar nichts wissen.

13 Ateliers gibt es in dem Hinterhaus in Flingern-Nord, neun Künstler arbeiten dort – fertigen Gemälde und Installationen, Skulpturen und Videos, geben Kurse und Kreativwerkstätten und verkaufen auch das eine oder andere Werk, weil die meisten von ihrer Kunst leben. Jetzt soll damit Schluss sein, kurz vor Weihnachten haben alle Mieter des Hinterhauses die Kündigung von der städtischen Wohnungsgesellschaft SWD bekommen. „Wir wussten zwar, dass wir nicht für immer bleiben können“, sagt Maria Gilges, „dass wir aber so schnell gehen müssen, hat uns schon überrascht.“ Terminiert war die Kündigung auf Ende Februar, vor ein paar Tagen lenkte die SWD dann ein, verlängerte die Frist auf Ende Juni. „Und wir werden den Künstlern, die dort kreativ arbeiten, alternative Atelier-Flächen anbieten“, sagte SWD-Sprecher Roman von der Wiesche, nachdem die Ateliergemeinschaft einen Brandbrief schrieb. Die SWD hält aber weiter an ihren Modernisierungsplänen fest, nämlich an dieser Stelle sozial geförderte Wohnungen anzubieten, die Düsseldorf dringend brauche. „Soziales wird gegen Kunst ausgespielt“, findet Tomasz, der sich nicht vorstellen kann, einen alternativen Raum zu finden, in der Größe, zu dem Preis.

Zwischen drei und 3,50 Euro kalt hat die Miete an der Flurstraße pro Quadratmeter gekostet, „ein super Preis“, wie Gilges findet. „Wir wären aber auch bereit gewesen, mehr zu bezahlen“, sagt die Künstlerin. Wenn etwas gemacht worden wäre in dem Hinterhaus. Denn vieles ist noch im Originalzustand, die Treppenhäuser etwa, Türen, die Holzdielen in Christoph Zeidlers Atelier. Ende des 19. Jahrhunderts ist der Gebäudekomplex entstanden, „der Landgerichtsdirektor Oskar Aders hatte sein Vermögen gespendet für soziale Zwecke“, erzählt Ulrike Möschel, die überzeugt ist, dass das Haus einen Kulturwert hat, es Teil der Sozialgeschichte Düsseldorfs ist. „Viele vergessen, dass Flingern früher ein Arbeiterviertel war“, sagt Möschel. Dass die SWD sozial geförderten Wohnraum schaffen will, das können und wollen die Künstler nicht recht glauben. „In der Kündigung war die Rede von wirtschaftlichen Gründen“, sagt Möschel, „uns wurde gesagt, dass man an dem Haus nicht verdienen kann. Außerdem hätten sie schon einen Blick auf den neuen Grundriss werfen können, „der sah nicht nach öffentlich gefördertem Wohnraum aus“. Zwar hätten SWD und Stadt Ausweichateliers angeboten, etwa an der Ecke Münsterstraße/Rather Straße, „aber auch diese Räume wären nur temporär nutzbar gewesen, zum dreifachen Preis“, sagt Gilges. „Wir wollen kein Nomadenvolk sein“, ergänzt Nina Fandler.

Dass 16 Ateliers verschwinden für neun Wohnungen „ist unnötig“, findet Zeidler, der vor allem bedauert, dass die Ateliergemeinschaft auseinandergerissen wird. Er fragt sich, ob es nicht eine Kompromisslösung gibt, ob im Haus, das nicht barrierefrei ist, das keine richtige Heizung hat, nicht eine Mischform entstehen kann. „Flingern ist ein Künstlerviertel, wieso macht man hier keine Atelierwohnungen?“, fragt er.

Unterstützung bekommen die Kreativen aus Flingern zum Beispiel von Clara Gerlach, Kulturpolitische Sprecherin der Grünen. „In der letzten Zeit scheint der Raum für Kunst und Kultur immer häufiger Opfer von Verdrängungsprozessen zu werden“, sagt Gerlach. Zu den aktuellen Kündigungen wird sie eine Anfrage in der Ratssitzung am 6. Februar stellen und will unter anderem wissen, wie viele Künstlerateliers es noch in Düsseldorf gibt und wie viele davon der Stadt gehören. „Wir fordern zudem neue Atelierräume, die in künftigen Bebauungsplan-Vorhaben berücksichtigt werden“, sagt Gerlach.

Auch die CDU-Ratsfraktion fordert von der Stadt ein Gesamtkonzept zur Förderung von Künstlerateliers. Die CDU kritisiert, dass in Düsseldorf immer mehr Ateliers und Arbeitsräume verdrängt würden und sich dadurch die Situation für Künstler verschlechtere. Sie wird im Kulturausschuss am 23. Januar eine Anfrage stellen. Bürgermeister Friedrich G. Conzen, Vorsitzender im Ausschuss, sieht eine schwierige Konkurrenzsituation auf dem Wohnungsmarkt: „Düsseldorf wächst und braucht mehr Wohnraum. Dadurch entsteht Druck zum Nachteil von Kunstschaffenden, die ihre Kreativräume aufgeben müssen. Entweder wird ihnen wegen Umnutzung gekündigt oder sie können die erhöhten Mieten nicht mehr bezahlen.“ Die Stadt müsse sich dringend überlegen, wie sie mit dieser Situation umgehen wolle.