Flingern : Ciao, Allwetterbad!

Generationen verbrachten in dem Bad den Sommer. Jetzt wird umgebaut.

Als Kind brauchte man nicht viel, um glücklich zu sein. Eine Handvoll Freunde, warmer Sommerwind und 20 Pfennig für zwei Wassereis waren genug. Die Sehnsuchtsorte unserer Kindheit kamen ähnlich bescheiden daher. Sie lagen nicht tausende von Kilometern entfernt, sondern waren bequem mit dem Opel Ascona zu erreichen. Schloss Burg in Solingen war so ein Ort. Der Blaue See in Ratingen. Und natürlich das Allwetterbad in Flingern. In den späten 70ern und frühen 80ern, einer Zeit, in der einen noch kein Billigflieger für klitzekleines Geld an die Strände Südeuropas transportierte, verbrachten wir die schulfreie Zeit im Sommer zu einem großen Teil in dem Freibad mit dem ausfahrbaren Planendach, das jetzt komplett modernisiert werden soll.

Schwimmmeister Uwe Pütz sortiert Schilder. Bei gutem Zustand werden sie wiederverwertet. Foto: Hans-Juergen Bauer

Eröffnet wurde das Allwetterbad in seiner heutigen Form im Jahr 1977. Es gibt nur ein Open-Air-Bad in Düsseldorf, das noch älter ist: das in Lörick. Wie man auf die Idee kam, direkt neben der Bahntrasse und in unmittelbarer Umgebung von Kraftwerk und Müllverbrennung ein Freibad zu errichten, ist heute eine gute Frage. Damals wie heute hat es allerdings nie jemanden wirklich gestört. Im Gegenteil. Es ist genau diese eher raue, ein bisschen unwirtliche Umgebung, die den besonderen Charme des Bads ausmacht. Der Komponist und Musiker Tom Blankenberg hat den Reiz der Badeanstalt mit viel Beton mal wie folgt auf den Punkt gebracht: "Wenig Hochglanz und mit Güterzügen, die fast durch die Becken fahren." Das Allwetterbad sei einfach, was es sei. Ein Freibad. Kein Fun- oder Erlebnisbad. Wim Wenders schien das ebenfalls zu gefallen. Im September 2008 drehte er im Allwetterbad eine Szene für seinen Film "Palermo Shooting".

Spielfiguren aus dem Planschbecken überwintern im Technikgebäude. Foto: Hans-Juergen Bauer

Aus heutiger Sicht sind es gerade die Tage mit dem eher suboptimalen Wetter, an denen man in den 50-Meter-Becken prima seine Bahnen ziehen kann. Wenn der Himmel verhangen ist oder dunkelblau-lila wie kurz vor einem schweren Gewitter. Wenn die Temperaturen von unten an der 20-Grad-Marke kratzen und die Sonne Verstecken spielt, hat man die Kachelbecken fast für sich allein. Gut, ein paar über die Maßen rüstige Senioren würden vermutlich auch bei Bodenfrost kommen. Sie begegnen einem in der überwiegend orangen Umkleidekabine: "Heute ist es total leer, Sie können sich freuen", sagen sie dann, bevor sie unter der heißen Dusche verschwinden.

Wenn wir früher ins Allwetterbad fuhren, war es ausnahmslos sehr heiß. So heiß, dass man schon morgens Decken, Handtücher und Kühltasche zum Auto schleppte. Nicht selten war es noch vor 10 Uhr, wenn wir uns in die lange Schlange vor dem Kassenhäuschen einreihten. Das Warten machte uns nichts aus. Vor uns lag eine halbe Ewigkeit am besten Ort der Welt. Für eine halbe Ewigkeit brauchte man natürlich entsprechend viel Proviant. Ein, zwei Wassereis (bevorzugte Sorgen: Kirsch und Cola) vom Schwimmbad-Büdchen waren zwar drin, aber davon abgesehen waren wir wie viele in den 1970ern Selbstversorger. Bifis, Kartoffelsalat, belegte Brote mit Salami und Buko, Sunkist-Trinkpäckchen und, ganz wichtig, Wassermelone. All das fand sich fein säuberlich in einer Kühltasche mit 70er-Jahre-Dessin verstaut. Kaum hatten wir am Rande der Liegewiese in unmittelbarer Nähe der hohen Bäume unsere Decken ausgebreitet, war er auch schon da: der Hunger. Das Angebot schuf quasi die Nachfrage. Die Warnungen der Erwachsenen ("Nicht mit vollem Magen ins Wasser") wurden genauso in den Wind geschlagen wie die der Bademeister ("Nicht vom seitlichen Beckenrand springen"). Schnell noch die Kleider vom Leib gerissen, dann ging es ab ins Becken. Köpper vom Startblock. Nach verlorenen Haargummis tauchen. Und mit Schwimmbrille auf der Nase seltsame Unterwasser-Ansichten sammeln. Im Gegensatz zum Meer reichte das Wasser hier in Flingern zwar nicht bis zum Horizont. Aber uns waren die maximal 50 Meter von einem Beckenrand zum anderen genug, zumal die Farbe dank entsprechender Kacheln ja durchaus ans Mittelmeer erinnerte. Und dann war da noch der Sprungturm. Der einzige in der ganzen Stadt mit Zehn-Meter-Brett. Hier konnte man manchen, der breitbeinig die höchste der vier Etagen erklomm, in der Folge sehr, sehr kleinlaut den Rückzug antreten sehen. Sozialstudien in den frühen 1980er Jahren.

Bei einem Ortsbesuch Anfang Januar 2017 ist das leuchtende Türkis ebenso aus der Szenerie gewichen wie der charakteristische Chlorgeruch. Letzterer verfliegt innerhalb von nur einem Tag. Braun dümpelt das Wasser vor sich hin. Wo in Hochzeiten in einer Saison schon mal 270.000 Badegäste planschen, wird in den kommenden zwei Jahren umgebaut. Das eine der beiden 50-Meter-Becken wird verschwinden und einer Halle mit 25-Meter-Becken für Schul- und Vereinsschwimmen Platz machen. Und auch davon abgesehen muss viel erneuert und auf Stand gebracht werden. 26,5 Millionen werden investiert, um das in die Jahre gekommene Bad fit für die Zukunft zu machen. Anfang des Jahres hat man damit begonnen, die Räume zu leeren. Die große Plane, mit der das eine der beiden Außenbecken zu einer - wenn auch sehr zugigen - Halle umfunktioniert werden konnte, ist schon vor Jahren verschwunden. Weihnachten 2012 riss sie ein und wurde in der Folge abgebaut. Die Vereinsschwimmer waren bereits vorher umquartiert worden. Und welchen Energieaufwand es bedeutete, eine "Halle" aus provisorischen Wänden und LKW-Plane auf 30 Grad zu heizen, möchte man ohnehin gar nicht wissen.

(RP)