Flingern : Boxen mit Handicap

In der Boxhalle von Kai Burchardt trainieren einmal in der Woche Menschen mit und ohne Behinderung. Pädagoge Markus Lefen betreut die Sportler, die durch das Boxen lernen sollen, sich selbst zu behaupten.

"Immer die Deckung oben behalten", sagt Trainer Markus Lefen. Die Frauen und Männer in der Boxhalle der städtischen Jugendfreizeiteinrichtung an der Icklack wissen aus den Übungsstunden der vergangenen Wochen, wie das geht. Flemming Erdmann verharrt wie die anderen mit ernstem und konzentriertem Gesichtsausdruck in vorbildlicher Haltung: Der 30-Jährige hält die rechte Faust etwas unterhalb der rechten Wange, die linke Faust etwas höher. Erdmann hat eine geistige Behinderung. Andere hatten mit Sport bislang nie etwas zu tun, sind total unsportlich. Das spielt für die Jugendlichen aber keine Rolle. In der Boxhalle trainieren Frauen und Männer mit und ohne Behinderung.

"Das Boxen stärkt nicht nur die Muskeln und die Ausdauer, sondern auch das Selbstvertrauen", sagt Gastgeber Kai Burchardt von "Boxing for Personality". "Und ganz nebenbei baut es auch Hemmschwellen beim Umgang miteinander ab." So wie in diesem Studio könne ein gelungenes Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung aussehen, meint er. "Dem Sandsack ist völlig egal, wer auf ihn einschlägt." Den Anstoß zu dem Inklusionsprojekt gaben Guido Görres und Sonja Anjezdsky vom sozialen Dienst "Mittendrin". Sie hatten sich mit ihren Ideen an Burchardt gewandt. Der fand die Idee großartig. "Hier sollte kein großes Programm und keine riesige Aktion gestartet werden, die dann im Nichts verpuffen. Hier sollen die Menschen einfach bei der Hand genommen und willkommen geheißen werden, das finde ich klasse", so der 43-Jährige, der in seiner Boxschule in Flingern seit Jahren Training für Amateure und Freizeitboxer anbietet.

Einmal wöchentlich gibt es am Höherweg nun das inklusive Boxtraining. "Anfangs war das natürlich für beide Seiten neu, aber durch den Sport haben sich die Behinderten und Nichtbehinderten kennengelernt - jeder wird hier so akzeptiert, wie er eben ist", so Görres. Beide Seiten haben so viel Gefallen daran gefunden, dass sie mittlerweile nur ungern auf das allwöchentliche spielerisch-sportliche Miteinander verzichten. Als Trainer konnten sie Markus Lefen gewinnen. Der 40-jährige Pädagoge ist mit sehr viel Einfühlungsvermögen dabei, sorgt für einen ungezwungenen Rahmen. Während seiner Übungseinheit gibt es keine Sieger und Verlierer. Ausgelassene Freude herrscht bei den Frauen und Männern bei einer Übung der Reaktionsschnelligkeit, bei der sie die Hand des Gegenübers abklatschen müssen. Lefen hat festgestellt, dass durch solch kleine Übungen ganz leicht Hemmschwellen eingerissen werden können.

In der Runde trainieren die Sportler ohne Vollkontakt, es geht um die Stärkung von Ausdauer, Kraft, Koordination, Kreislauf und Reflexen. "Und es geht natürlich vor allem um Selbstbehauptung, Selbstsicherheit und die Stärkung von Persönlichkeit", sagt Görres. Er kennt die Sportler bestens und weiß was sie brauchen, schließlich hat er mit einer ganzen Reihe von ihnen über das Betreute Wohnen zu tun. Manche hätten "Opfer" förmlich auf ihrer Stirn stehen, wenn sie sich auf der Straße bewegen, berichtet er. Sie würden häufig in Konflikte geraten, aus denen sie immer als Verlierer herausgehen. "Hier beim integrativen Boxtraining soll es nun nicht darum gehen, ihnen zu zeigen, wie man sich erfolgreich prügelt. Es geht schlicht darum, dass sie trainieren und dabei trotz ihrer Behinderung willkommen sind", sagt Görres.

(RP)