Flingern : Bilder aus der Nachbarschaft

Der Fotograf Josef Schulz setzt die Besucher des Nachbarschaftstreffs "Helle" in Szene. Die schwarz-weißen Porträts sind noch bis Ende Mai in einer Ausstellung am Hellweg zu sehen.

Wenn der ökumenische Nachbarschaftstreff am Hellweg um 17 Uhr seine Tür öffnet, ist der Andrang groß. Es dauert keine zehn Minuten und schon sind alle Plätze am langen Tisch belegt. Scheinbar herrenlose Stühle, über denen nur eine Jacke hängt, werden mit einem knappen "Ist da noch frei?" kurzerhand besetzt. Nachzügler die durch die Tür kommen, werden laut begrüßt, gefolgt von der Frage nach Kaffee und einem Stück Kuchen.

Am Tischende sitzt Ludmilla Schäfer über dem Anschreiben ihrer Krankenkasse. Seit 21 Jahren wohnt die gebürtige Kasachin nun schon in Düsseldorf - auf die Hilfe bei bürokratischen Angelegenheiten, die Leiterin Manuela Neidinger anbietet, will sie nicht verzichten. Etwas abseits sitzt Klaus Hess auf dem roten Sofa und isst Pfannkuchen. Vom ersten Tag an kommt er in die Einrichtung, die vor zwei Jahren eröffnet hat. "Hier kriege ich mein Brötchen und meinen Kaffee - und kann quasseln", sagt der 75-Jährige. Ludmilla und Klaus sind nur zwei Gesichter der kleinen Gemeinschaft, die der Fotograf Josef Schulz in einer Fotoserie festgehalten hat.

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Im Sommer vergangenen Jahres bezog er sein Atelier über dem Nachbarschaftstreff und suchte einen Weg, sich mit den Menschen des Treffs bekannt zu machen. Gemeinsam mit Manuela Neidinger entstand schnell die Idee einer Fotoausstellung im "Helle". Als Fotograf habe man schließlich einen Blick für besondere Situationen: "Ich fand es interessant, was hier für Menschen zusammenkommen. Das sind Leute, die sonst nie in der Öffentlichkeit stehen."

Im November vergangenen Jahres baute er ein Set mit zwei großen Scheinwerfern auf. Sechs Wochen dauerte es, bis Schulz 30 Bilder zusammen hatte. Die entstandenen Schwarz-Weiß-Bilder sind sehr reduziert: "Keine Grimassen, kein Effekt, kein Spiel mit Farbe - einfach Menschen, so wie sie sind." 16 der 30 Bilder hängen noch bis Ende Mai im Nachbarschaftstreff.

Einer, der nicht lange gezögert hat, bis er sich fotografieren ließ, ist Klaus Hess: "Mit Berührungsängsten habe ich nichts zu tun." Der pensionierte Maurer lebt seit 18 Jahren in Flingern - besonders regt er sich über die Wohnsituation in seinem Viertel auf: "Die Leute kriegen ja keine Wohnung mehr, wenn sie in der Schufa stehen." Die Fotos von Schulz porträtieren auch den Wandel in Flingern. Aus dem Arbeiterviertel ist ein angesagter Szene-Bezirk geworden. Doch nicht am Hellweg.

Ludmilla Schäfer hat den Papierkram mittlerweile beiseite gelegt und isst ein Stück Zitronenkuchen. Sie beschreibt den Besuch im Nachbarschaftstreff als "wahren Genuss." Sie erzählt, wie dankbar sie darüber sei, in Frieden mit anderen Menschen zusammenzusitzen und Bekanntschaften zu knüpfen. Dies sei in ihrer Heimat Kasachstan alles andere als selbstverständlich. Mit dem Ergebnis des Fotoshootings sei sie sehr zufrieden. Sie war eine der ersten, die sich vor Schulz Linse getraut hat - und hat den anderen Besuchern damit Mut gemacht. In der Fotosituation habe sie sich dann auch merklich wohl gefühlt, so Schulz.

Über das Fotografie-Projekt ist er leicht mit den Menschen ins Gespräch gekommen und erfuhr auch von so manchem Schicksal in der Lebensgeschichte. "Das liegt ja in der Natur der Sache", sagt Schulz. Portraitfotografie hatte in der Vergangenheit keinen großen Platz in der Arbeit des Fotografen. Viele seiner Bilder zeigen verlassene Orte und Brachflächen, Bushaltestellen und Grenzübergange.

Der Fokus lag dabei auf den Formen - vielleicht ist das der Grund, warum die Bilder der Besucher so gradlinig wirken. Aufrechte Haltung, der Blick geradeaus. Es sind die kleinen Details, die das Besondere ausmachen. Die Hosenträger von Klaus Hess etwa, auf denen "I love Beer" steht. Oder der lange Bart des "Rockers", wie Schulz den Mann nennt, dessen Namen er nicht kennt. Es ist eins seiner Lieblingsbilder.

(RP)