Flingern : Auf dem Trockenen

Das Allwetterbad ist in diesem Jahr wegen des Umbaus geschlossen. Wo aber verbringen die Stammgäste den Sommer 2017?

Anette Frisch kam in den vergangenen Sommern regelmäßig ins Allwetterbad. Nicht zum Planschen oder Sonnenbaden. Sondern zum Sportschwimmen. Die Journalistin zog vor zehn Jahren von Köln nach Düsseldorf. Grund für den Umzug: Liebeskummer. "Den habe ich dann in Flingern weggeschwommen." Als das Problem bewältigt war, blieb sie dem Bad trotzdem treu. Frisch kam fast täglich, schwamm mal 30, mal 50 Bahnen, je nachdem, wie frei sie im Kopf war und wie es ihre Zeit erlaubte. "Ich finde, das Allwetterbad war das meist unterschätzte Freibad in Düsseldorf. Wo bitte gab es denn gleich zwei 50-Meter-Becken", fragt sie, wohlwissend, dass das in Düsseldorf ein Alleinstellungsmerkmal war. Die türkisen Kacheln hatten es ihr darüber hinaus besonders angetan, weil sie sie an ihre Jugend erinnerten. An nicht enden wollende Nachmittage im Freibad - Schlangestehen für eine Pommes inklusive. Frisch gefiel es, dass man dem Bad die Zeit ansah, aber auch die Vernachlässigung. Die orangen Toilettentüren. Der eine einsame Fön. "Es gab keinen Schnickschnack, das fand ich toll", sagt sie.

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Im ersten Sommer ohne Allwetterbad versucht Frisch immer noch, täglich schwimmen zu gehen. Meist allerdings außerhalb der Landeshauptstadt. Im Angerbad in Ratingen oder im Freibad Reuschenberg in Neuss. 20 bis 25 Minuten Anfahrt mit dem Auto nimmt sie dafür in Kauf. Sie vermisse den kurzen Weg von ihrer Wohnung ins Bad: "Ich kann nicht mehr so spontan sein, sondern muss das Schwimmen jetzt zeitlich fest einplanen." Und was hält sie von der zukünftigen Optik? Die kenne sie wie alle ja nur von Zeichnungen und Konzeptstudien, so Frisch. Äußern möchte sie sich auf dieser Grundlage nicht. Nur so viel: "Ein Bad ist ein Gefühl."

Tom Blankenberg sieht das ähnlich, auch seine Beziehung zum Allwetterbad ist eine emotionale. Vor einigen Jahren hat er dem Allwetterbad einen Kurzfilm gewidmet, den er mit selbst komponierter Musik unterlegt hat. "Unser Leben hier in Flingern ist um einen festen Bezugspunkt ärmer", stellt der Komponist und Toningenieur heute fest. Das kurze "Stressabschwimmen" nach der Arbeit fehle ebenso wie der spontane Badbesuch mit Kindern, die in Flingern immer mindestens einen ihrer Buddies getroffen hätten. "Für mich hat sich noch keine Ersatzroutine eingestellt", so Blankenberg. Tatsächlich sei er in diesem Sommer erst zwei Mal im Freibad gewesen. Einmal in Benrath mit Kindern und befreundeten Familien. Einmal in Stockum zum Bahnen schwimmen. Wenn das Allwetterbad geöffnet hätte, wäre er, so schätzt er, wesentlich öfter gegangen. "Zehn Mal. Mindestens."

Das liege natürlich auch an dem kurzen Weg. Wie Frisch wohnt auch Blankenberg mitten in Flingern. "Innerhalb der Stadt bewältige ich alle Wege mit dem Fahrrad", sagt der 47-Jährige. Wenn man nach Stockum oder Benrath radelt, dauere das natürlich seine Zeit. "Das Spontane ist dahin - leider." Und auch die Schwimmbad-Verpflegung kann anderenorts nicht mit dem mithalten, was Blankenberg aus Flingern kennt. "Ich vermisse nicht zuletzt auch die tolle mediterrane Küche von Marco, den Salat mit Ziegenkäse und die Dorade vom Grill".

Marco heißt mit vollem Namen Marco Jovanovic. Der Sohn kroatisch-italienischer Eltern betrieb im Allwetterbad von 2009 bis zum vorläufigen Ende 2016 die schwimmbadeigene Gastronomie "Bei Marco". Seine Küche war für die Lage durchaus ambitioniert. Dorade, Rumpsteaks, Salate mit Putenbrust oder Lachs - all das servierte er auf der Terrasse mit Blick auf Dusche und Schwimmbecken. Bruschetta und Caprese wurden besonders gern genommen, "das haben die Gäste geliebt". Für ihn selber sei der Job immer ein bisschen wie Urlaub gewesen. Die Sonne. Die Wiese. Das Wasser. Wenn er morgens um 8 Uhr zur Arbeit kam, ging er erst mal eine Runde schwimmen. Danach trank er in aller Ruhe einen Cappuccino auf seiner Terrasse, bevor er sich an die Vorbereitungen fürs Tagesgeschäft machte.

Zu dem Job gekommen ist Jovanovic übrigens durch einen Zufall: "Ich war mit meiner damaligen Kellnerin in Flingern, als Gast", erzählt er. Als sie sich am Büdchen etwas zu essen holten, sagte er aus Spaß zu der damaligen Betreiberin: "Wollen Sie das hier nicht abgeben?" Tatsächlich stellte sich heraus, dass gerade ein neuer Pächter gesucht wurde. Die folgenden acht Sommer verbrachte der Gastronom am Flinger Broich. "Ich habe immer persönlich für meine Gäste gekocht", darauf legt er Wert. Das praktiziert er heute noch so, wenn auch an anderer Stelle. Am 1. Oktober hat er das "Zum goldenen Fass" an der Dorotheenstraße übernommen.

Auch Mirco Frädrich arbeitet derzeit im Hallenbad. "Ich bin als leitender Schwimmmeister in der Münstertherme eingesetzt", erzählt der 34-Jährige. Das bedeute viel organisatorische Arbeit, die er vom Büro aus erledigt. 2002 hat Frädrich seine Ausbildung bei der Bädergesellschaft begonnen, unzählige Male hat er seitdem seine Kontrollrunden um die Becken gedreht, den Sprungturm geöffnet oder vom Bademeisterturm aus die Szenerie im Auge behalten. Zuletzt im Sommer 2015. Das Bad kannte er allerdings schon vor seiner Ausbildung in- und auswendig. Als Mitglied eines Schwimmvereins war er in den 1990er und 2000er Jahren regelmäßig zum Training und für Wettkämpfe am Flinger Broich. Zuletzt sei er im Sommer 2016 vor Ort gewesen, um Kollegen zu besuchen. "Da war ich aber gar nicht im Wasser."

Alleine könne er sich ohnehin nicht richtig motivieren, erklärt er, dazu bedürfe es schon eines Trainers und einiger Vereinskollegen. Den Umbau des Allwetterbads sieht Schwimmmeister Frädrich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Natürlich werde auch er den Charme der 1970er Jahre vermissen. Aber Umkleidekabinen und vor allem Technik hätten ohne Frage ihre besten Tage hinter sich. "Jetzt freue ich mich, dass Düsseldorf ein modernes Bad bekommt", sagt Frädrich. Und man nimmt es ihm auch ab.

(RP)