Geschichte : Vom Sumpfland zum Wohnviertel

In einem Heberegister ist zwischen 1218 und 1231 der Flecken Elenere des heutigen Ellers erwähnt. Ein Grund für die Werbegemeinschaft zu feiern.

Ein bisschen schmunzeln muss er ja, der Historiker Ulrich Brzosa, wenn er an das Jubiläum denkt, das die Werbegemeinschaft in Eller in diesem Jahr begehen will. Auf dem Gertrudisplatz hängt schon seit einigen Monaten ein großes Banner, die Händler in der Werbegemeinschaft signieren ihre Mails mit dem runden Geburtstag. 800 Jahre Flecken Elnere haben der Vorsitzende Jürgen Hagendorn und sein Team ausgerufen – mit einem Augenzwinkern, „irgendwas muss man ja feiern“, sagte Hagendorn Anfang des Jahres. Denn eine Stadterhebungsurkunde gibt es nicht für Eller, Schriftnotizen fehlen. Lediglich eine Kopie des Heberegisters existiert heute noch, „eine Art Kassenbuch vom Stift in Gerresheim“, sagt Brzosa, in dem die eingezogenen Erträge der Höfe und Grundbesitzer notiert wurden. Zwischen 1218 und 1231 ist das Register geführt worden, das im Zweiten Weltkrieg verloren gegangen sein muss. „Was wir haben, ist eine Abschrift aus dem 19. Jahrhundert, auf Latein“, sagt Ulrich Brzosa, und irgendwo darin wird der Flecken Elnere erwähnt.

Elnere ist ein Sumpfgebiet gewesen, zwischen Gerresheim und Wersten. Hochwasser- und sumpffrei ist Eller erst Anfang des 20. Jahrhunderts geworden, als man die Düssel regulierte. Und die Geschichte Ellers ist zumindest die ersten 600 Jahre „ganz, ganz dunkel“, sagt Ulrich Brzosa, erst in den letzten 150 Jahren kann man die Entwicklung richtig nachvollziehen. Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war Eller ein Straßendorf, dessen Zentrum irgendwo zwischen der heutigen Straße Alt-Eller und dem Straußenkreuz lag. Mit der Industrialisierung und den ersten Fabriken in Oberbilk und Lierenfeld veränderte sich auch das Bild in Eller. Immer mehr Menschen kamen nach Düsseldorf, Wohnraum musste geschaffen werden – auch außerhalb der Arbeiterviertel. Entstanden ist eine Wohn- und Geschäftsstraße in Eller entlang der Kaiserstraße, die heutige Gumbertstraße, die zum Mittelpunkt des Stadtteils wurde, von der bald viele kleine Nebenstraßen abzweigen sollten. Schnell ist Eller gewachsen, das bis 1896 noch der Bürgermeisterei in Hilden angehörte. Mit der Selbstständigkeit kam der Wunsch nach einem Rathaus am Kaiser-Wilhelm-Platz. Den Kaiser-Wilhelm-Platz gibt es längst nicht mehr, geblieben sind die hoch gewachsenen Bäume und die alten Pflastersteine, die Marktstände und die 1901 geweihte Gertrudiskirche, die zwar alle nicht ihren Standort gewechselt haben, heute aber zum Gertrudisplatz gehören.

Der Gertrudisplatz um 1901 mit der Gertrudiskirche im Zentrum. Foto: Archiv Brzosa

Unzählige Baugenossenschaften wurden Anfang des 20. Jahrhunderts gegründet, die Wohnungsnot war groß. Während 1880 noch knapp 2000 Menschen in Eller lebten, waren es 30 Jahre später fünf Mal so viele. Ein Gründerzeithaus reihte sich an das nächste, Gertrudisplatz und Gumbertstraße wurden zum Zentrum, beides überstand die Weltkriege nahezu unbeschadet. „Militärische Ziele gab es kaum“, sagt Brzosa mit Blick auf den schwersten Angriff am 12. Juni 1943, als die Briten Düsseldorfs historischen Stadtkern, die Innenstadt und viele Stadtteile bombadierten. Und wieder war Eller ein Ort, wo Menschen ein Zuhause fanden, „so ist der Wohncharakter von Eller erhalten geblieben“, sagt Brzosa.

Die Metzgerei Heinrich Schellscheidt Anfang des 20. Jahrhunderts. Foto: Archiv Brzosa

Dafür sind im Zweiten Weltkrieg unzählige Unterlagen verschwunden, in guter Absicht hat man Dokumente, Urkunden, Bilder aus Archiven in Stollen und Bunker gebracht. „Bei dem ganzen Chaos haben die Leute die Sachen oft nicht mehr wiedergefunden“, sagt Ulrich Brzosa, der noch ein wenig Hoffnung hat, dass irgendwann doch mal ein historisches Zeugnis auftaucht, das ein bisschen Licht in die Geschichte vor dem 18. Jahrhundert bringt.

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