"Honeymoon" in Düsseldorf-Derendorf: Tüll, Tränen und ganz viel Brautmode - seit 20 Jahren

"Honeymoon" in Düsseldorf-Derendorf: Tüll, Tränen und ganz viel Brautmode - seit 20 Jahren

Gabriele Reiss kleidet in ihrem Laden in Derendorf seit zwei Jahrzehnten Bräute ein. Was früher nicht pompös genug sein konnte, weicht heute schlichteren und günstigeren Modellen.

Von Puffärmeln, über Prinzessinnenkleider bis hin zur Vintage-Version: Gabriele Reiss hat in 20 Jahren Brautmode fast alles gesehen. Mit ihrem Geschäft "Honeymoon" auf der Roßstraße erfüllt sie regelmäßig zukünftigen Eheleuten ihre Träume. Doch die haben sich in der letzten Zeit stark verändert.

"Die deutsche Braut möchte sich am Liebsten noch mit dem Kleid auf die Couch lümmeln können", beschreibt Gabriele Reiss den Wunsch vieler Bräute. Während die Spanierinnen auch im Hochsommer in langen, schweren Hochzeitskleidern leiden, könne es hier gar nicht bequem genug sein.

Vor zwei Jahrzehnten sah das noch ganz anders aus: Spätestens mit dem Film Pretty Woman zu Beginn der 90er Jahre war das Motto der zukünftigen Ehefrauen: "Ich will unbedingt schön sein, koste es, was es wolle", sagt Gabriele Reiss. Der Trend wich im Zuge des Internets billigeren Alternativen: "Die Stoffe von Vintage-Kleidern sind leicht und nicht so aufwendig herzustellen, deshalb kosten sie auch nicht so viel." Um den Stresspegel möglichst gering zu halten, werden sie dann auch am liebsten online bestellt.

Früher hatte Gabriele Reiss alles, was das Brautherz begehrte: von Kleidern über Unterröcke bis hin zur Unterwäsche. "Wir hatten sogar Höschen, auf denen ,Just married' stand", sagt die 63-Jährige. Doch heute nehme ihr das Internet diese Einnahmequelle weg. "Leute können sich 100 Paar Schuhe nach Hause bestellen und dort auswählen. Das ist natürlich einfacher, als in ein Geschäft zu gehen."

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Um dem Internet da etwas entgegenbringen zu können, setzt Gabriele Reiss auf das Besondere: "Braucht die Brautmutter beispielsweise einen passenden Hut zum bunten Kleid, ist das draußen schwer zu bekommen. Ich arbeite für solche Wünsche extra mit zwei Designern zusammen."

Gabriele Reiss' Wunsch war es schon vor vielen Jahren, mit Mode Geld zu verdienen. Dennoch wurde sie zunächst Bürokauffrau und übernahm erst mit 43 Jahren das Brautmodengeschäft einer Freundin. "Die ersten zwei Jahre waren knallhart", sagt Reiss. Sie sei auf Messen immer der Außenseiter gewesen und habe sich immer verrückte, ausgefallene Kleider ausgesucht. Und ihr Gespür gab ihr Recht: Kunden aus Frankreich, Italien und der Schweiz kauften schließlich bei ihr. "Vor dem Internet waren wir ein Top-Geschäft in Düsseldorf", sagt Gabriele Reiss.

Die digitale Welt vermittle der Frau aber heute eine falsche Vorstellung von Brautmode: "Auf Instagram und Pinterest sieht man nur das Kleid und nicht den Preis." So seien viele Kunden entsetzt, wenn sie ihnen mitteile, wie teuer ihre Vorstellung ist. "Die Leute sind nicht mehr bereit, so viel Geld auszugeben", sagt die 63-Jährige. Roben für bis zu 6000 Euro habe sie deshalb nur noch wenige auf Lager. "Der Kunde legt mehr Wert auf die Location und das Essen als auf das Kleid."

Gabriele Reiss hat vor dem Internet Brautmode verkauft, heute muss sie sich damit arrangieren. Accessoires zum Beispiel finde eine Braut kaum noch in ihrem Geschäft, dafür aber eine realistische Beratung. Dabei seien ihr verrückte Bräute am liebsten, bei denen auch sie ihre Fantasie ausleben könne: "Wer nicht auffallen will, sollte auch keine Braut werden." Dabei versuche sie immer das Beste aus jeder Braut rauszuholen.

(jms)