Gerresheim: Bunter Blick auf das vergangene Jahr

Gerresheim : Bunter Blick auf das vergangene Jahr

In der Galerie Art Room gibt es ab morgen einen außergewöhnlichen Jahresrückblick. Die Malerin Maria Lentzen zeigt Zeichnungen mit Motiven aus Politik, Kultur und Sport. Als Vorlage dienen Pressefotos einer Tageszeitung.

Wenn eine Zeitungsredaktion das Foto für die erste Seite auswählt, muss dieses Bild schon eine außergewöhnliche Aussagekraft haben. Egal, ob Politiker wichtige Entscheidungen treffen, Künstler neue Werke vorstellen, Sportler miteinander wetteifern – ein Aufmacherfoto muss ein wichtiges Ereignis symbolisieren. "Der vergangene Tag ist auf diesem Bild zusammengefasst", sagt Maria Lentzen. "Für die Zeitungsmacher ist es das Bild, das vom Tage übrig blieb." Die Gerresheimer Grafikerin nahm im vergangenen Jahr fast jeden Tag ein Foto der Seite eins der Süddeutschen Zeitung als Vorlage für eine Aquarellzeichnung. Ab morgen zeigt Lentzen 90 dieser Aquarelle in der Galerie Art Room. Dieser ungewöhnliche Jahresrückblick erinnert den Betrachter noch einmal an die wichtigen Ereignisse aus 2012. Titel der Ausstellung lautet: "Was vom Tage bleibt".

Eines der ersten Bilder aus Lentzens Serie stammt vom Dezember 2011. Thomas De Maiziére hatte zuvor das Amt des Verteidigungsminister von Karl-Theodor zu Guttenberg übernommen und hielt eine Weihnachtsansprache vor deutschen Soldaten in Afghanistan. Lentzens Meinung nach macht diese Szene den Unterschied zu seinem Vorgänger deutlich. "De Maiziére steht vor einer schnöden Klinkerfassade eines Bundeswehrquartiers. Üppigkeit herrscht nur bei der Weihnachtsdekoration neben dem Rednerpult", sagt die Künstlerin. De Maiziére, die eigentliche Hauptperson des Fotos, stünde recht bescheiden vor dem Pult, so Lentzen. "Zu Guttenberg war ein krasses Gegenteil zu seinem Nachfolger und hätte mehr wert auf Glamour gelegt." Entsprechend betonte Lentzen die Weihnachtsbäume und den Bundesadler auf dem Pult mit Farbe und Pinsel, während das Gesicht De Maiziéres kaum zu erkennen ist.

Ganz anders ist dies auf der Zeichnung vom Februar. Das Foto zeigt einen indischen Jungen bei einem Gratis-Mittagessen in einem Slum von Neu-Delhi. Die UN-Kinderhilfsorganisation Unicef veröffentlichte an diesem Tag Zahlen, wonach Millionen von Kindern in dem Land in Armut aufwachsen müssten. Das Foto ist beeindruckend, aber das Aquarell von Maria Lentzen scheint das Motiv noch zu vertiefen. Mit nur wenigen Pinselstrichen betonte Lentzen die großen Augen des Jungen. Zudem hebt die Zeichnung das Essen auf dem Teller hervor. Wie der Junge seinen Arm um den Teller legt, wird erst auf dem Aquarell deutlich: er scheint zu verhindern wollen, dass ihm jemand sein Essen wegnimmt. "Durch das Zeichnen habe ich mein Gespür für das Wichtige auf dem Foto geschärft", sagt Lentzen. Nur mit diesem scharfen Blick konnte sie eine neue, abstrahierende Ebene in die Szenen bringen.

Das funktioniert auch beim Thema Sport. Das Originalfoto zeigt den Fußballprofi Sebastian Schweinsteiger nach dem Champions-League-Spiel in München im Mai. Entsetzt über das schlechte Ergebnis hält er die Hände vor sein Gesicht. Lentzen betont aber nicht den Sportler. "Der farbige Hintergrund sieht aus, als wären Tränen auf das Papier gefallen", sagt sie. Nicht fehlen bei einem Jahresrückblick darf die Bundeskanzlerin. Maria Lentzen zeichnete Angela Merkel, als die Politikerin ein Bundeswehr-Camp in der afghanischen Stadt Mazar-i Scharif besuchte. Merkels skeptischer Blick bildet das Zentrum des Bildes. "Der blaue Himmel aber ist Sinnbild für die Hoffnung, dass dieser Einsatz bald beendet wird", sagt Lentzen.

Für jede Zeichnung brauchte Maria Lentzen kaum länger als eine Stunde. "Was mich reizt, ist die Themenvielfalt und das Erforschen der Bildinhalte", sagt sie. Die Zeitungen mit den Pressefotos landeten anschließend im Abfall. Was bleibt, sind die Aquarelle.

(lod)
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