Düsseldorf-Bilk: So sieht der Bunker von innen aus

Bauprojekt in Düsseldorf : So sieht der Bilker Bunker von innen aus

Im Sommer startet in Düsseldorf-Bilk der Umbau des Hochbunkers. Zwei zusätzliche Stockwerke werden für Wohnungen gebaut. Der Betonbau selbst soll erhalten bleiben und für Kulturprojekte genutzt werden.

An der Ecke zur Karolinger Straße befindet sich der Eingang. Einer von dreien. Eine Tür, unscheinbar, hellblau, so wie die übrige Fassade an der Ecke, leicht zu übersehen. Andreas Knapp kramt einen Schlüssel aus der Tasche, schiebt die Tür auf. Dahinter: nichts. Dunkelheit, Kälte. „Warten Sie kurz“, sagt Knapp. Er schaltet das Licht ein. Grell flackern von der Decke Neonleuchten, diese Art grelles Licht, das unangenehm ist, das niemand jemals für seine Wohnzimmerlampe wählen würde. Ein schmaler Gang ist zu sehen, eine Treppe, die nach oben führt, steil, eng. Mit jedem Schritt wird es kälter. Spinnweben hängen in den Ecken, an manchen Stellen ist die Farbe von der Wand abgeblättert.

Zehn Stufen und noch mal zehn und ein paar mehr, bis Andreas Knapp links abbiegt. Aus dem schmalen Gang wird ein Raum, auf dem Boden sind bunte Sterne verteilt. „Hier muss das Glücksrad gestanden haben“, sagt Kay Fromm. Tausende Menschen sind diese Stufen gegangen, immer und immer wieder, tausende Menschen haben in jenem Raum gestanden, in dem nun Knapp und Fromm stehen. Das ist die Schleuse drei, so ist es über der gebogenen Stahltür geschrieben, die mit grauen und gelben Streifen bemalt ist, gleichmäßig im Wechsel. Glücksrad – ein Wort, das makaber klingt. Aber so viel Wahres hat. 2500 Menschen konnten im Bilker Bunker während des Zweiten Weltkrieges Schutz suchen. Bilk ist der Stadtteil mit den meisten Einwohnern. Heute leben mehr als 40.000 dort. Wer unterkam, muss Glück gehabt haben.

Drei solcher Schleusen sind im Hochbunker eingebaut, alle mit einer Klingel versehen. „Nicht erschrecken“, sagt Knapp, kurz bevor er den kleinen Kopf drückt. Schrill schellt es. Über ein Sprechrohr konnten die Wachen an der Schleuse drei erfragen, wer vor der Stahltür steht. Und auch, wenn die Gefahr draußen schon groß war, konnten durch die Zwischenkammer immer noch Menschen im Bunker Zuflucht finden.

Heute, gut zwölf Jahre, nachdem die Bundesregierung die Zivilschutzbindung für etwa 2000 Schutzbauten aufhob, darunter auch für den Betonbau an der Aachener Straße, nutzen Andreas Knapp und Kay Fromm einige Etagen als Lager. Für Projekte, die die beiden Geschäftsführer von „Küssdenfrosch“ in der Stadt realisieren. Im Erdgeschoss hinter der zweiten Stahltür an der Schleuse drei sind alte Balkontüren ordentlich verpackt an eine Wand gelehnt, die in Gerresheim irgendwann eingebaut werden, als Raumtrenner für Küche und Wohnzimmer. Daneben stehen Heizkörper aus dem Kloster an der Talstraße, für die es dort keinen Platz mehr gab, nachdem Knapp und Fromm es umgebaut haben. „Er ist der Sammler“, sagt Kay Fromm.

Praktisch ist der Bunker gewesen in den letzten Jahren, seit Fromm und Knapp ihn gekauft haben. Bald müssen sie sich etwas anderes überlegen, im Sommer wollen sie mit dem Umbau starten. Die Pläne sind aber anders, als die des Vorbesitzers, der den Betonklotz abreißen wollte, der mit dem Bunker nichts mehr anfangen konnte, als sich eine Bürgerinitiative für den Erhalt einsetzte und schließlich Erfolg hatte. Platz für Kunst- und Kulturprojekte soll es auf den sieben Etagen geben, von denen zwei im Keller liegen, der denkmalgeschützte Bunker soll Teil des Stadtteils bleiben, Teil der Menschen, eine Erinnerung sein an das, was passiert ist. Zeitzeugen hatten die Entwickler getroffen, die den Bunker als etwas erlebten, was heute vielen unbegreiflich ist: „Kein Ort des Schreckens, sondern ein Ort der Sicherheit“, sagt Fromm. Selbst wenn eine Bombe auf das Dach gefallen wäre, hätten die Menschen überlebt, auch wenn der Bunker nie fertig wurde. Erhalten, statt abreißen, das ist es, was Fromm und Knapp wollen, für alles gibt es eine Verwendung. Auch für die gläsernen Essigfässer aus der Senffabrik, die im Panikraum lagern, zusammen mit Mühlsteinen zum Senfmahlen. „Wenn damals jemand einen Rappel bekam, wurde er in den Raum gesperrt“, erzählt Andreas Knapp. Tagelang mussten die Menschen im Krieg ausharren – ohne frische Luft, ohne Tageslicht. Dazu die Angst. Vor dem, was ist, vor dem, was kommt. Manche haben das nicht verkraftet.

Als die beiden den Bunker das erste Mal betraten, war alles nagelneu. Geschirr, Besteck, die Essensausgabe. Strom, Wasser, Elektrizität – ebenfalls neu. Die oberen vier Etagen waren eingerichtet, mit dreistöckigen Hochbetten. Die Abdrücke der Pfosten sind heute noch zu sehen, ganz schwach, obwohl seit Jahren kein Bett mehr in den Räumen stand. Zwei Millionen Euro investierte die Regierung Anfang der 2000er noch mal in den Bunker, der Angriffe mit atomaren, biologischen und chemischen Waffen standhalten sollte. Die Wände bekamen einen weißen Anstrich, Treppenstufen und Fluchtwege wurden mit fluoreszierenden Linien markiert, die giftgrün durch den Bunker leiten, wenn der Strom ausfällt.

Als der Abriss des Bunkers beschlossen wurde, durften Künstler rein, ein Kunstfest hat es gegeben, mit einer Ausstellung zur Geschichte des Bunkers, die Thorsten Graeßner und Ingo Schiweck erarbeitet haben. Für die soll es einen festen Platz geben. Es sind Bilder dabei, die Geschichten erzählen, die es schaffen, dass im Kopf Geschichten entstehen. Wie die Geschichte der Schafe, die auf eine Wand in eine der vielen Nischen gemalt worden sind. Schafe, die laufen, rennen, Schafe, die flüchten. Eines davon wird erschossen.

In jeder Ecke, in jedem Winkel ist Kunst. Angefangen bei den Sternen auf dem Boden vor der Schleuse drei bis ins oberste Geschoss. Viel Platz hat der Bunker für Kunst. Jede Etage ist 350 Quadratmeter groß, das Erdgeschoss ein bisschen kleiner, wegen der Tordurchfahrt an der Aachener Straße. Wie ein Karton ist der Bunker damals angelegt worden, vom Architekten Carl Krieger, 2,50 Meter dick ist die Decke, zwei Meter messen die Außenwände. Die Trennwände im Bunker haben die Maße normaler Wände, liegen im gesamten Bau an der gleichen Stelle, tragen die Zwischendecken. Ideen gab es schon mal, ein Kino im Bunker zu eröffnen. Dafür wären neben den zu hohen Kosten auch die zu niedrigen Decken ein Problem gewesen. Jetzt sind Kay Fromm und Andreas Knapp auf der Suche nach einem Betreiber, nach jemandem, der den Bunker bespielt. Kunst und Veranstaltungen könnten sich die beiden im Erdgeschoss vorstellen, einen Wochen- oder Kunstmarkt. Kontakt gibt es zu den Machern vom Open Source Festival, außerdem führen sie Gespräche mit einem Indoor-Farmer, der auf einer Etage Urban Gardening umsetzen könnte. Für ein anderes Geschoss stellen sich die Geschäftsleute eine Fahrradgarage vor, die über einen Lastenaufzug erreicht werden kann. Im Sommer beginnen im Hinterhof die Arbeiten für den Aufzug, der auch die Wohnungen auf dem Dach erschließen wird.

Über jeden Zentimeter wissen Kay Fromm und Andreas Knapp eine Geschichte zu erzählen. Wie die der Hebeanlage, die das Abwasser in den Kanal pumpt und vom Ventil vier, das das Abwasser durch ein Rohr leitet und in etwa 2,50 Metern Höhe neben der Toreinfahrt an der Aachener Straße rausschießt, wenn der Kanal voll ist. Oder die des Luftfilter-Raums, der als einziger noch im Ursprungszustand von 1944 ist, als der Bunker für die Düsseldorfer freigegeben wurde. Vor allem ist es der Bilker Bunker selbst, der die Geschichten erzählt und Platz hat für viele weitere.

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