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Düsseldorf-Bilk: Nähen lernen in der Stoffwerkstatt

Freizeit in Düsseldorf : Nähen lernen in der Stoffwerkstatt

Nähen ist im Trend. In Sabine Reuters Stoffwerkstatt in Bilk bekommen Anfänger und Profis Tipps und Unterstützung bei der Umsetzung.

Das Sakko hat er auf Links gedreht, seine Unterlage ist ein Bügelbrett. Zentimeter für Zentimeter zeichnet Semi Bou-Sandal eine feine Linie auf die Innenseite des Stoffs, der zur Hälfte weiß ist, zur Hälfte ein Muster hat – wie eine bemalte Leinwand. Ganz konzentriert ist Bou-Sandal, schaut kaum auf, sein Rücken ist gebeugt. 

Semi Bou-Sandal ist ein Perfektionist, einer, der ganz klare Vorstellungen hat, der sich lieber selbst Dinge beibringt, bevor er sie jemand anderen machen lässt. Schlechter, oder eben nicht so, wie er sich das vorstellt. So war es zumindest beim Nähen, „ich hatte immer das Gefühl, dass meine Wünsche nicht umgesetzt werden“, sagt er. Vor ein paar Jahren dann lernte er das Handwerk, angefangen hat er mit Hosenumschlägen. Heute ist es ein Hybrid, „ein Sakko, das ich auch als Hemd tragen kann“, erzählt Bou-Sandal, ohne die Augen von den Linealen zu nehmen, die er über den Stoff bewegt, den Stift zwischen Zeige- und Mittelfinger eingeklemmt, wie eine Zigarette.

„Für so ein Projekt braucht man Talent“, sagt Sabine Reuter, die Semi Bou-Sandal Tipps gibt bei der Umsetzung, hier und da auch mal hilft. Für Perfektionisten wie ihn und Menschen, die Nähen lernen wollen, hat Reuter vor einem Jahr die Stoffwerkstatt in Bilk – gleich gegenüber der Uni-Klinik – eröffnet, in der sie Kurse gibt und offene Werkstatt-Nachmittage anbietet. Durch Zufall schaute sie im August 2018 durch die Fenster an der Himmelgeister Straße, sah, dass die Räume dahinter leer sind. „Eine Woche später war die Besichtigung“, sagt die 52-Jährige, die bald den Mietvertrag unterschrieb.

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Am 4. September vor einem Jahr gab sie ihren ersten Kurs, ein Dienstagabend ist es gewesen, „die Nähmaschinen wurden um 16 Uhr geliefert“. Eine Punktlandung – dabei hatte Sabine Reuter die Idee zur Stoffwerkstatt schon eine ganze Weile. Fünf Jahre war sie freiberufliche Dozentin, gab Nähkurse. Ihre Kinder wurden größer, inzwischen sind sie 17 und 21. „Da war es Zeit für ein neues Baby“, erzählt Reuter, die gelernte Damenschneiderin ist, die Modedesign studiert hat und in den 90ern für eine Marke in Viersen arbeitete. Später ging sie nach Zürich, beriet als Trendscout große Modehäuser wie Breuninger, viel ist sie rumgekommen, bis die Kinder kamen.

Die Lust am Nähen hat Sabine Reuter nie verloren. Während sie – wie viele andere auch – früher allein genäht hat, irgendwo zu Hause, im Keller, unter dem Dachboden, „ist Nähen heute ein irres Ding“, sagt Reuter. 1,16 Milliarden Euro Umsatz sind 2018 mit Nähwaren gemacht worden in Deutschland, allein 420 Millionen Euro mit Stoffen, wie die Initiative Handarbeit berichtet. „Seit einigen Jahren zeigen die Leute im Internet, in Blogs, was sie gemacht haben“, sagt die Bilkerin. Und manchmal, da gebe es Schnitte, Stoffe, Nähte, die einfach nicht so wollen. Dann kommt Sabine Reuter ins Spiel, ihre Stoffwerkstatt, „das ist meine Daseinsberechtigung“.

Studenten kommen zu Sabine Reuter und Hebammen, Wirtschaftsprüfer, Ärzte und Steuerberaterinnen, so wie Nadja Gehrken, die mit dem Nähen anfing, als ihre Tochter zur Welt kam. „Wir bekamen eine selbst gemachte Hose. Das wollte ich auch können“, sagt Gehrken, die zu Hause inzwischen komplett ausgestattet ist – mit Nähmaschine und Stoffen, Scheren und Schnittmustern. „Aber zu Hause mache ich zu oft etwas anderes, aufräumen, die Spülmaschine, Wäsche“, sagt Gehrken. Auch deshalb kommt sie gerne in die Stoffwerkstatt. Gerade arbeitet sie an einem T-Shirt für das Patenkind ihres Mannes, „ein verspätetes Geschenk zur Einschulung“. Mit einem Plotter hat sie den Namen aufgedruckt, Fabian steht auf der Brust geschrieben – die spezielle UV-Folie verändert in der Sonne die Farbe. Die Ärmel fehlen noch, dann ist Nadja Gehrken fertig – „für mich ist das ein Ausgleich hier“.

Sabine Klinkhardt ist Rentnerin, „ich habe aber schon mit 17 Röcke genäht“, erzählt sie. Inzwischen hat sie ihre Schablonen, die sie immer wieder verwenden kann. Kurse braucht sie eigentlich keine mehr, dafür ein paar Tipps, etwa wie sie mit dem verflixt dehnbaren Jersey-Stoff umgehen kann. Einen Schnupperpass hat Klinkhardt, mit dem sie zur offenen Werkstatt kommen kann, wenn sie zu Hause an der Nähmaschine nicht mehr weiter weiß. Es ist vor allem die Flexibilität, die Sabine Reuter anbieten wollte, die Teilnehmer dürfen alles mitbringen, alles umsetzen, was sie wollen. „Nähen lernen kann jeder“, sagt Reuter, die manchmal selbst ganz überrascht ist, was sich ihre Schüler so alles überlegen. Da ist aus einem alten, roten Samtblazer ein Nikolausstiefel geworden, aus ausrangierten Herrenhemden luftige Tuniken, aus einer zu heiß gewaschenen Cashmirdecke eine Handtasche, die aussieht wie eine von Hermès. „Die Teilnehmer müssen selber Skizzen zeichnen, Futter aussuchen, an Innentaschen denken, Reißverschlüsse planen“, sagt Reuter.

Die Frau, die die Tasche genäht hat, ist eine Anfängerin gewesen, die zwei Kurse gebraucht hat, „sicher acht Termine á drei Stunden“, sagt Sabine Reuter, auch ein bisschen stolz. Sie weiß, wie viel Arbeit hinter jeder Jacke, jedem Shirt steckt. Deshalb hat sie zum ersten Geburtstag der Stoffwerkstatt eine kleine Modenschau organisiert für ihre Mädels und den einen Mann, die zeigen sollten, was sie geschafft haben. Diese Bewunderung aus der Gruppe ist es auch, die viele wieder an die Himmelgeister Straße treibt, „weil jeder weiß, was Nähen heißt“.