Düsseldorf-Bilk: Ein Mann und sein Baberbike

Ideen in Düsseldorf : Ein Mann und sein Barber-Bike

André Lichtenscheidt hat ein Lastenfahrrad zu einem mobilen Friseursalon umfunktioniert.

Seine Frisur ist perfekt gestylt, mit einer ordentlichen Portion Pomade, fixiert mit einem guten Schuss Haarspray. Jede Strähne sitzt da, wo André Lichtenscheidt sie haben will, kein Windstoß, keine noch so unachtsame Bewegung wird daran etwas ändern. Den Bart über der Oberlippe hat der 36-Jährige an den Enden gezwirbelt, ein bisschen erinnert der Schnäuzer an den von Fernseh-Koch Horst Lichter. Das Bowlinghemd – dunkelblau mit zwei markanten weißen Streifen – hat keine Falten, sein Unterarm ist tätowiert. Aus einer anderen Zeit kommt André Lichtenscheidt nicht, aber er hat ein Faible für eine andere Zeit, eine Zeit, in der Elvis auf dem Höhepunkt seiner Karriere war und die Autos noch solche Ausmaße hatten, dass sie heute in keine Düsseldorfer Parklücke passen würden. Über die Musik ist André Lichtenscheidt zum Rock’n’Roll gekommen, zu seinem blauen Pontiac Star Chief und auch zu seinem Beruf. Als er mit 14 Jahren seine Friseur-Ausbildung auf der Kö anfing, reichten ihm schicke Hochsteck- und Trendfrisuren nicht. Er schaute in seiner Freizeit immer wieder einem alten Meister über die Schulter, „ich wollte antike Haarschnitte lernen“, sagt Lichtenscheidt.

Ein paar Jahre arbeitete André Lichtenscheidt als mobiler Friseur, vor knapp zehn Jahren machte er sich schließlich selbstständig, mit seinem Laden Cut Corner Hair & Barbershop an der Ecke Bach- und Karolingerstraße. Eine Mischung aus Friseursalon, Secondhand-Laden und Museum – zwischen Haartrocknern und Waschbecken hängen Westen und Tweedhemden an einer Kleiderstange, an den Wänden alte Schwarz-Weiß-Fotos und Blechschilder mit Werbeslogans. „Wenn die Leute vor dem Fenster stehenbleiben und sich fragen, ob das hier wirklich ein Friseur ist, dann habe ich alles richtig gemacht“, sagt der 36-Jährige, dessen Ideen manchmal genauso wild sind wie die Ausstattung seines Ladens. Sein Auto zum Beispiel ist nicht nur ein hübscher Oldtimer, der Pontiac von 1961 ist auch ein fahrbarer Salon. Im Kofferraumdeckel hängt ein Spiegel, der Kunde nimmt dahinter auf einem Stuhl Platz. „Es sieht schon gut aus, wenn ich mit dem Auto unterwegs bin“, sagt Lichtenscheidt, aber Benzin frisst der Wagen eine Menge. Und dann ist da noch die Sache mit dem Parkplatz.

Als ihn ein Stammkunde, der keine Zeit hatte, in den Salon zu kommen, ganz kurzfristig nach einem Haarschnitt fragte, radelte André Lichtenscheidt los. Mit einer Schere, einem Kamm und einem Fön im Gepäck. Ein bisschen unbeholfen. Bei einem Event am Kit schnitt er die Haare des Mannes, „und die Leute fanden es gut“.  Da kam ihm die Idee. Er kaufte sich ein altes Lastenfahrrad von Henkel, baute es um und stellte das Modell in diesem Jahr bei der Cycling World vor. Das erste Barber-Bike der Welt. Mit einem großen Koffer am Lenkrad, in dem es Platz gibt für all seine Scheren und Messer, die Haarwässerchen, die Pomaden. Der Koffer ist ein besonderes Stück, das er geschenkt bekommen hat. „Darin waren ein antiquarisches Toupet und Bartteile“, sagt Lichtenscheidt, der vermutet, dass der Koffer irgendwo aus einem Theater kommt. „Ich habe alles behalten und wir machen immer Blödsinn mit den Bärten.“

Am Gepäckträger hat André Lichtenscheidt kleine Körbe montiert, dort deponiert er Fön, Rasierer und Haarspray. Der Kunde setzt sich auf den Sattel, durch zwei Verstrebungen am Vorderrad kann er sogar ganz gemütlich seine Füße hochlegen. Und dann macht Lichtenscheidt seinen Job. Genauso wie im Laden. Oft war er dieses Jahr noch nicht unterwegs mit seinem Barber-Bike, irgendwo an einer Straßenecke stehen, will der Friseur auch nicht, „das könnte befremdlich wirken“. Er will Events ansteuern, wie zuletzt das Fest auf der Friedrichstraße. Und er hat seiner Frau versprochen, ein bisschen kürzer zu treten. „Unsere Tochter ist zwei, bis sie im Kindergarten ist, mache ich piano“, sagt André Lichtenscheidt.

Wobei piano relativ ist bei einem Mann wie André Lichtenscheidt, der stellvertretender Vorsitzender von Tweed Ride Düsseldorf ist, ein Fahrradclub, dem sich Sammler alter Räder und Fans von Tweed-Kleidung anschließen. Regelmäßig besucht er Mundart-Abende, ein bisschen Platt spricht er. „Dort habe ich gelernt, warum das Zoo-Viertel Zoo-Viertel heißt“, sagt der Friseur-Meister, der seine Heimat kennen will, die Kultur, die Geschichte. Auch wenn er nicht in Düsseldorf geboren ist, ist Düsseldorf doch seine Heimat. Das Großstädtische in Bilk, „dieses Internationale“, sagt Lichtenscheidt, der in Wersten wohnt, am liebsten aber nach Hamm ziehen würde. Weil Kappeshamm so dörflich ist, ihm das urige Düsseldorf sogar noch besser gefällt als die Großstadt. Kappeshamm hat ihn auch inspiriert bei seiner eigenen Haarpomade, die „Kappesschmör“ heißt. „Bei der Namensgebung hat mir Manes Meckenstock geholfen“, erzählt Lichtenscheidt, der die Dosen in seinem Laden verkauft und die Touristeninformationen in der Altstadt und am Hauptbahnhof damit beliefert. Für alle seine verrückten Ideen bräuchte André Lichtenscheidt eigentlich eine ganze Mannschaft. Aber er will sein Geschäft klein halten, „ich mag die Individualität, das Handwerk und den Schwachsinn, den ich gern verzapfe“, sagt er. Das kann er niemandem beibringen, „weil dazu auch ein bisschen Wahnsinn gehört“.