Die Brunnenstraße in Düsseldorf-Bilk: Willkommen im Kiez

Die Brunnenstraße in Düsseldorf-Bilk : Willkommen im Kiez

Die Brunnenstraße ist anders als viele andere Straßen in Düsseldorf. Die Anwohner und Händler einige Visionen für ihr Viertel. Am liebsten wäre ihnen eine Straße ohne Autos.

An einen kleinen runden Tisch hat Christian Düchtel sich gesetzt an diesem Morgen, trinkt wie immer einen Kaffee. Man kennt ihn dort. Neben der Tasse liegt ein Flyer, eine DinA4-Seite, auf der nicht viel geschrieben steht, auf der ein Tempo-30-Schild abgedruckt ist, Tempo 30 wäre etwas für die Brunnenstraße, findet Düchtel, die Straße, an der er lebt, er Kaffee trinkt, er einkauft. Die Straße, die anders ist als andere Straßen in Bilk, in Düsseldorf, die Straße, die noch ein richtiger Kiez ist, mit Studenten – wenn auch nicht mehr so viele wie früher – und Künstlern, mit Menschen, die viel Leidenschaft haben, manchmal auch haben müssen für das, was sie tun. Aus einem Gespräch über Tempo 30 mit Christian Düchtel wird schnell ein Gespräch über die Brunnenstraße mit Christian Düchtel. Und Aki Chaabeni. Und Christian Al-Mosawi. Und Paul Korb. Und Jan Wolfram. Und Bernhard Lubberger. Die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die alle was zu sagen haben über die Brunnenstraße, die etwas beitragen wollen zur Brunnenstraße, die alle einen Kaffee trinken in der Süßen, dem Café an der Brunnenstraße, das am Tag Mittelpunkt im Kiez ist.

„Wir sind hier zusammengerückt“, sagt Aki Chaabeni, dem das Café Süße Erinnerung gehört, das alle nur die Süße nennen, und der vor ein paar Jahren angefangen hat, kleine Aktionen zu starten auf der Brunnenstraße, damit sich die Künstler und Einzelhändler vernetzen. Er schaute auf andere Straßen, die Loretto- und die Ackerstraße, wo vieles gut organisiert ist, wo es Feste gibt und Events, wo sich Anlieger zu Werbegemeinschaften zusammengeschlossen haben. Und er musste feststellen, „dass wir das nicht hinkriegen“, sagt Chaabeni. An der Brunnenstraße will man keinen Verein, keine Statuten, keinen Vorstand. „Jeder kocht hier ein bisschen sein eigenes Süppchen, am Ende schmeißen wir alles zusammen und es kommt was Cooles dabei raus“, sagt Christian Düchtel.

Das ist es auch, was die Brunnenstraße so anders macht – plötzlich sitzen fünf, sechs, sieben Leute in der Süßen, wollen mitreden, Ideen geben, haben Visionen. Es sind Künstler und Kreative, Leute, die in den Kiez gekommen sind, als sie jünger waren, als es ihnen egal war, ob die Straßenbahn quietscht oder die Autos hupen, Leute, die gern Partys gefeiert haben. So wie die vor ein paar Jahren, als viel zu viele Menschen kamen, „die wir alle gar nicht eingeladen haben“, erzählt Chaabeni, der die Band Love Machine in seinem kleinen Café zu Gast hatte, wo sich das Publikum quetschte, vor dem das Publikum drängte. Mit den großen Fenstern rundherum hatte die Süße eine Art Aquarium-Effekt. Heute, fünf, sechs Jahre später, „sind wir erwachsener geworden“. Und mit dem Erwachsenwerden sind auch die Ideen gekommen für die Brunnenstraße, Tempo 30 zum Beispiel, für die Christian Düchtel schon Unterschriften gesammelt hat. Um die 300 sind bisher zusammengekommen. Viel weiter ist die Initiative aber noch nicht mit ihrem Vorhaben, das so manchem an dem Morgen in der Süßen nicht weit genug geht: „Ich könnte mir die Brunnenstraße auch ganz ohne Autos vorstellen“, sagt Aki Chaabeni, „dann würdet ihr sehen, wie viel tollen Raum wir hier hätten.“ Und damit ist er auch schon beim nächsten Wunsch: mehr Raum für Fahrräder, dafür würde er gerne den einen oder anderen Parkplatz opfern.

Die Leute kommen nicht mit dem Auto zur Brunnenstraße, die Leute fahren mit dem Auto durch die Brunnenstraße. „Durchstichstraße“ nennt Christian Düchtel das. Viele Unfälle habe es gegeben, sagt Paul Korb, „weil die Autos nur in eine Richtung dürfen und die Bahnen in beide, weil die Straße einen Knick macht und die Sicht oft versperrt ist“. Autofahrer seien unter Druck, Bahnfahrer im Stress, „dann passieren Unfälle“, sagt Korb. Zeit, dass sich etwas bewegt, „dass wir selber etwas bewegen“, sagt Christian Düchtel, die Straße begrünen oder ein Lastenfahrrad anschaffen, das sich die Kunden leihen können, um ihre Einkäufe nach Hause zu bringen, zum Beispiel vom Unverpackt-Laden Pure Note. „Wir haben schon mit dem ADFC gesprochen“, sagt Aki Chaabeni, „momentan fehlt aber einfach der Platz“.

Dass Veränderungen gut sein können, wissen die Menschen von der Brunnenstraße. Das gilt aber nicht für alle: Christian Al-Mosawi, der gemeinsam mit Benedict Zinke das Kommunikationsbüro Present Progressive hat, blickt mit Sorge auf die Wohnbebauung an der Parallelstraße, auf die Karolinger Höfe, „das können sich die Leute von unserer Straße einfach nicht mehr leisten“, sagt Al-Mosawi. „In der Brunnenstraße steckt wenig Materialismus, dafür viel Leidenschaft.“ Die Menschen identifizieren sich mit der Straße, mit ihrem Kiez. Am liebsten hätten sie ein Banner, vorne an der Brunnenstraße, das man vom Bahnhof aus sieht, auf dem Brunnenstraße geschrieben steht, „so etwas gibt es auch in Bonn“, sagt Christian Düchtel. Damit Reisegruppen sich nicht zufällig in die Straße verirren. Damit die Leute ganz bewusst kommen in die Straße, die anders ist und anders sein will. Ein echter Kiez eben.

Mehr von RP ONLINE