Schüler des Schloss-Gymnasiums gedenken der Pogromnacht in Benrath

Nationalsozialismus in Benrath: Schüler gedenken der Pogromnacht

Abiturienten erinnern an den Stolpersteinen und dem Denkmal für die ehemalige Synagoge an die Übergriffe auf jüdische Bürger.

Am heutigen Tag vor 80 Jahren bekamen auch die jüdischen Bürger in Benrath die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten zu spüren. Auf der Hauptstraße und am Marktplatz, wo viele jüdische Kaufleute ihre Geschäfte und Wohnungen hatten, ließen die Nazis ihrer Zerstörungswut freien Lauf. Sie schlugen Fensterscheiben ein, warfen Mobiliar auf die Straße, nahmen jüdische Bürger in Haft. Dieses Schicksal erfuhr auch Alex Stern. Der verheiratete Vater von vier Kindern wurde nach Dachau deportiert. Die Möbel der Familie warfen die Nazis auf den Hinterhof. Die Sterns hatten an der Hauptstraße lange Zeit ein Kaufhaus betrieben, bevor es von den Nazis enteignet und an einen „arischen“ Geschäftsmann übergeben wurde.

Auch das Textilgeschäft der Familie Heumann an der Hauptstraße 46 wurde von der SA verwüstet und geplündert. Beim Ausbruch des Pogroms hatte sich Selma Heumann in ihre Gartenlaube geflüchtet. Sie wurde von den Nazis aufgespürt, auf die Straße gezerrt und gezwungen, alles mitanzusehen. Zwei Tage später starb sie an Herzversagen.

Die Schicksale dieser und anderer Familien hat das Heimatarchiv Benrath mit Hilfe von Zeitzeugen dokumentiert. Dies sei eine wichtige Aufgabe für das Fortbestehen einer starken Demokratie, ist Wolfgang D. Sauer überzeugt. Er leitet das Heimatarchiv. Um an die Pogromnacht vor 80 Jahren zu erinnern, veranstaltet heute um 11 Uhr das Heimatarchiv zusammen mit Schülern des Schloß-Gymnasiums ein Gedenken. Angehende Abiturienten haben sich mit den Schicksalen der jüdischen Bürger und den Verbrechen der Nationalsozialisten auseinandergesetzt. Am Gedenkstein für die ehemalige Synagoge und im Anschluss daran an den drei Stolpersteinen vor der Buchhandlung Dietsch tragen sie Texte dazu vor.

Philipp Schäfer, Geschichtslehrer am Schloß-Gymnasium, hatte zwei Grundkursen die Aktion als freiwilliges Angebot vorgeschlagen. „Das hat eine ungeheure Resonanz erfahren“, berichtet Schäfer. Mit vier bis fünf Schülern hatte er gerechnet. „Das schlug dann so eine Welle“, sagt er. Zwölf Jugendliche wollten mitmachen – und das in ihrer Freizeit.

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Damit beim heutigen Gedenken auch alles gut klappt, haben sie zuvor im Heimatarchiv den Auftritt geprobt. Julia Loibl trägt mit einem Mitschüler vor, mit welchen Gesetzen die Nazis damals die Judenverfolgung vorbereiteten und organisierten: Von den Berufsverboten über Orte, an denen sie sich nicht aufhalten durften, wie Kino, Bäder und Parkanlagen, bis zum Ausschluss jüdischer Kinder vom Schulunterricht. Das Schulverbot wurde damit begründet, dass keinem Deutschen mehr zugemutet werden könne, jüdische Kinder zu unterrichten, erklärt Archivleiter Sauer. Wegen seiner Herkunft oder Religion so ausgrenzt zu werden, findet Julia Loibl katastrophal. „Das ist so absurd, das kann man gar nicht nachvollziehen“, sagt die 17-Jährige. Sich mit diesem Thema genau auseinanderzusetzen, findet die Abiturientin wichtig und auch interessant. „Aus Fehlern soll man lernen.“

Wenn die Schüler heute mit ihren Texten der Pogromnacht gedenken, dann lenken sie auch den Blick auf die Stolpersteine, die an Helene und Paul Blumenfeld sowie an Walter Eichenwalf erinnern, die dort vor 80 Jahren unter den Übergriffen der Nazis leiden mussten. An die ehemalige Synagoge an der Friedhofstraße erinnern die Schüler ebenfalls. Sie hatte dort seit etwa 1890 ihren Standort. Um den Gedenkstein zu entdecken, müssen die Passanten aufmerksam auf den Weg achten. Sie finden die beschriftete Bodenplatte gegenüber der Kirche St. Cäcilia vor dem Modegeschäft Pröpper. Die Synagoge wurde an bedeutenden jüdischen Feiertagen für Gottesdienste benutzt. Zur Zeit des Pogroms hatte die Gemeinde noch 22 Mitglieder.

Am 10. November 1938 um 10.30 Uhr wurde die Synagoge von den Nationalsozialisten in Brand gesteckt. Die „Rheinische Landeszeitung“ schrieb am Tag darauf: „Die Feuerwehr war gegenüber dem entfesselten Element machtlos. So brannte das Gebäude, das schon lange allen deutschen Volksgenossen Anstoß gab, bis auf die Grundmauern nieder.“ Eine Lüge: Denn die Feuerwehr hatte den Befehl erhalten, die Synagoge niederbrennen zu lassen und lediglich die „arischen“ Nachbarhäuser zu schützen. Schließlich wurde die jüdische Gemeinde aufgefordert, die Trümmer auf eigene Kosten zu beseitigen, da diese das Ortsbild „erheblich verunstalteten“. Dazu war die Gemeinde nicht in der Lage. Und so wurde das Grundstück für einen geringen Preis an einen Nachbarn verkauft.

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