Benrath : Mit Lebensfreude auf dem Jakobsweg

Walburga Benninghaus hat bei der Wahl im Mai ihren Sitz im Landtag wieder verloren. Um mit dieser Niederlage leben zu lernen, ist sie im Juli die letzten 120 Kilometer den Jakobsweg nach Santiago de Compostela gegangen.

Zumeist sind es Krisen, die Menschen dazu bewegen, auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela zu gehen - auch bei Walburga Benninghaus verhielt es sich so. Bei der Landtagswahl Mitte Mai hatte die Benratherin den Wahlkreis im Düsseldorfer Süden, den sie 2012 noch direkt holte, wieder an Peter Preuß von der CDU verloren. Nach 25 Jahren mit einem politischen Mandat - davor saß sie für die SPD im Stadtrat und war viele Jahre Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses - stand sie plötzlich mit leeren Händen da. Wobei es ihr in der Politik nie darum gegangen ist, ein Pöstchen zu besetzen, sondern sich für Menschen einzusetzen und etwas zu bewirken.

 Der Jakobsweg nach Santiago de Compostela ist gut ausgeschildert. Nicht bei allen Pilgern halten die Schule auch bis zum Ziel.
Der Jakobsweg nach Santiago de Compostela ist gut ausgeschildert. Nicht bei allen Pilgern halten die Schule auch bis zum Ziel. Foto: Benninghaus

Dass sie von allen vier Düsseldorfer SPD-Kandidaten den mit Abstand besten Wert holte, war der 62-Jährigen nicht wirklich ein Trost. Dann schon eher, wie viele Anrufe, Briefe und E-Mails sie danach bekam. "Von einer Frau habe ich sogar sechs Wochen nach der Wahl eine Mail bekommen. Sie schrieb mir, dass sie nie SPD wählen werde, aber dass sie immer noch bedauere, dass ich nicht in den Landtag eingezogen sei", erzählt Benninghaus.

 Seit über 1000 Jahre wandern Pilger zum Grab des Apostels Jakobus. Der Überlieferung nach hatten sich Jakobsmuscheln bei der Überführung seiner Leiche auf dem Sarg festgesetzt. Darum gilt die Muschel als Erkennungszeichen der Jakobspilger.
Seit über 1000 Jahre wandern Pilger zum Grab des Apostels Jakobus. Der Überlieferung nach hatten sich Jakobsmuscheln bei der Überführung seiner Leiche auf dem Sarg festgesetzt. Darum gilt die Muschel als Erkennungszeichen der Jakobspilger. Foto: Benninghaus
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Offen gibt sie zu, dass der Verlust ihres Landtagsmandats ihr erstmal den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Einen Plan B hatte sie zunächst nicht, weil sie überzeugt war, in den vergangenen fünf Jahren im Landtag für die Menschen vor Ort einen guten Job gemacht zu haben. Nicht auf der Rechnung hatte sie, dass die Wähler in NRW mal wieder einen Wechsel wollten.

Aus dem tiefen Loch hat sie sich inzwischen selber heraus gezogen. Dass sie nun wieder optimistisch in die Zukunft schaut, dabei haben ihr zwei Faktoren geholfen. Zum einen, dass sie zum 1. September bei der Arbeiterwohlfahrt als Sozialpädagogin noch einmal neu anfängt. Das Wissen um einen Job gibt ihr wirtschaftliche Sicherheit.

Bei der Aufarbeitung dieser Wahlniederlage hat ihr aber vor allem geholfen, dass sie im vergangenen Monat die letzten 120 Kilometer auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela gepilgert ist. Startpunkt war in Sarria. Weil sie alleine unterwegs war, nutzte sie über einen Reiseveranstalter die Möglichkeit, das Gepäck transportieren zu lassen sowie vorgebuchte Unterkünfte. Beides gab ihr ein Stück Sicherheit. Denn schon alleine auf dem Weg zu sein, bedeutet Mut zu beweisen - gerade für eine alleinreisende Frau.

Direkt am ersten Morgen, als sie gegen 7 Uhr los wollte, habe sie sich verlaufen, den Einstieg zum Jakobsweg nicht gefunden, berichtet sie. Da habe sie sich gefragt, was sie da eigentlich mache und kurz darüber nachgedacht, vor dem Beginn schon aufzugeben. Doch dann traf sie auf andere Pilger, die sie auf den richtigen Weg brachten. Das mitgeführte Wanderbuch, in dem die Etappen beschrieben sind, ließ sie meist ungelesen in ihrem Tagesrucksack. "Ich wollte mich nicht vorher verrückt machen. Etwa, wenn dort gestanden hätte, dass es nach zehn Kilometern einen harten Anstieg gibt", erzählt sie: "Dann hätte ich mir schon vorher lange einen Kopf gemacht. Und so kam der Berg, wenn er da war." Das ist etwas, was der Jakobsweg jeden lehrt: Alles kommt anders, als man vorher denkt. Der Weg gibt einem vieles, vor allem Gelassenheit, aber er erfüllt keine Erwartungen.

Das hat auch Walburga Benninghaus so erfahren. In den 14 Tagen ihrer gesamten Reise, die sie am Ende noch ans Meer nach Kap Finisterre führte, hat sie keinen einzigen deutschen Pilger getroffen. Hingegen aber viele junge Spanier, die sie beeindruckt haben. "Es war schön, diese Lebensfreude zu sehen", erzählt sie mit leuchtenden Augen. Gemeinsam mit denen in einem Café zu sitzen und - wenn auch mühsam mit Englisch zu verständigen - hat ihr viel gegeben. Auch den Blickwinkel sich auf das Neue, Unbekannte einzulassen, was nun vor ihr liegt. Neben dem Job auch die Freiheit zu schauen, wie und wofür sie sich in Zukunft engagieren will: "Ich bin und bleibe ein politischer Mensch", sagt sie. Aber um sich einzubringen oder Menschen zu helfen, braucht es kein Mandat.

(rö)