Düsseldorf: Spitzen-Abitur vier Jahre nach der Flucht

Düsseldorf-Benrath : Einser-Abi vier Jahre nach der Flucht

Drei Abiturienten des Schloß-Gymnasiums sind über ihren Abschluss besonders glücklich. Vor vier Jahren sprachen sie noch kein Wort Deutsch. Die Anfänge waren so hart, dass alle drei daran dachten, aufzugeben.

Das Abitur mit einer Note von 1,3 zu absolvieren, ist eine Glanzleistung. Genau darüber kann sich Sheyda Javid freuen, die am Schloß-Gymnasium gerade ihr Abitur gemacht hat. Umso eindrucksvoller ist die Note, wenn man bedenkt, dass die heute 19-Jährige erst im März 2015 aus Afghanistan nach Düsseldorf kam. Da sprach sie kein Wort Deutsch. Acht Monate lang lernte sie am Lessing-Gymnasium fünf Stunden täglich Deutsch. Als sie das geschafft hatte, glaubte Sheyda, sie hätte die Sprache gut gelernt. Doch dann kam sie auf das Schloß-Gymnasium und erlebte einen Schock: „Die erste Stunde war Physik. Ich habe kein Wort verstanden. Und das ging dann zwei bis drei Monate so.“

Eine Erfahrung, die die junge Frau mit zwei weiteren Schloß-Abiturienten teilt. Fatima Ali (20) kam vor vier Jahren mit ihrer Familie aus Syrien nach Deutschland, genauso wie Kenan Amtou Almasri (20). Alle drei haben daran gedacht, die Schule abzubrechen, so hart und frustrierend war der Anfang. Vor allem für Kenan, der ein Jahr lang auf seine Papiere warten musste, bevor er einen Deutschkursus beginnen konnte. Als er endlich als erster Seiteneinsteiger aufs Schloß-Gymnasium kam, erlebte er eine große Enttäuschung. „Mein Zeugnis wurde nicht anerkannt.“ Er musste die neunte Klasse wiederholen. „Ich habe zwei Jahre verloren“, sagt er und noch heute merkt man, dass dies für ihn ein schwerer Schlag war. Dazu der Schock, erst einmal kein Wort zu verstehen, obwohl er fleißig Deutsch gelernt hatte.

Vor dieser negativen Erfahrung hatte Schulleiter Raimund Millard die Schüler an ihrem ersten Tag gewarnt, denn alle drei waren in ihrer Heimat sehr gute Schüler. Kenan zählte landesweit zu den zehn Besten seines Jahrgangs. Mit seiner Abi-Note von 1,9 sei er zufrieden, sagt er. Mut gemacht haben allen dreien immer wieder einzelne Lehrer. Kenans Klassenlehrer sprach längere Zeit nur Englisch mit ihm, damit er die erste Zeit überhaupt klar kam. Fatimas Mathelehrerin baute sie auf: „Du schaffst das.“ Da war die junge Syrerin kurz davor, alles hinzuschmeißen. „Ich wollte zu meiner Oma nach Georgien gehen“, erzählt Fatima. Aber ihre Familie war dagegen und sprach ihr ebenfalls Mut zu. Heute ist sie froh, dass sie geblieben ist. Das Abitur hat sie mit einem Schnitt von 2,2 abgeschlossen mit den Leistungsfächern Mathe und Chemie — die gleichen übrigens wie Sheyda, bei denen die deutsche Sprache nicht im Vordergrund steht. In Aachen und Stuttgart hat sich Fatima für ein Studium der Luft- und Raumfahrttechnik beworben.

Auch Sheyda dachte ans Aufgeben. Doch dann bestand sie die neunte Klasse. „Ich sagte mir, ich probiere die zehnte Klasse und schaue, wie es läuft.“ Bei der ersten Klausur in Mathe bekam sie 15 Punkte. „Okay, es läuft, habe ich da gedacht“, erzählt die 19-Jährige und lächelt. Sie hat sich an der Düsseldorfer Uni für Informatik und Zahnmedizin beworben und ist gespannt, welches Fach es werden wird. Kenan ist unschlüssig, ob er Chemie, Zahnmedizin oder Pharmazie studieren soll. Auch eine Ausbildung in Zahntechnik kann er sich vorstellen. Das Abitur sagt er, sei sein erster Baustein für sein Leben. Seit sie in Deutschland ankamen, ist viel passiert. Als Fatima am Flughafen zum ersten Mal Deutsch hörte, dachte sie: „Das lernst du nie.“ Da hat sie sich ganz schön geirrt.

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