Düsseldorf-Benrath: Eine Hausgemeinschaft lebt hinter wildem Wein

Wohnen hinter Wein in Düsseldorf-Benrath : „Ich fühle mich manchmal wie Dornröschen“

An der Benrodestraße fällt das Haus mit der Nummer 12 aus dem Rahmen. Die Fassade ist von Wein umrankt. Zwei kleine Weinstöcke wurden vor mehr als 30 Jahren an der Seitenwand gepflanzt und bahnten sich ihren Weg zum Licht.

In den letzten Jahren hat die Stadt viel Werbung für grüne Dächer und Innenhöfe gemacht, um das Klima in stark versiegelten Wohngebieten zu verbessern. In der Benrodestraße 12 war das gar nicht nötig. Dort verschwindet in der warmen Jahreszeit die Fassade des Hauses hinter einem dichten Teppich von wildem Wein. Und das schon seit mehr als 30 Jahren.

Als das Haus aus dem Jahr 1896 Anfang der 80er Jahre zum Verkauf stand, beschlossen drei befreundete Lehrer mit ihren Familien, es gemeinsam zu übernehmen. „1983 haben wir die Fassade frisch anstreichen lassen und danach nie wieder“, erinnert Viktor Rintelen sich. Die Westseite, wo sich der Eingang befindet, war den Bewohnern zu kahl. „Das war die langweiligste Wand. Wir haben gedacht, mal gucken, wie sich da der Wein macht.“ Ein bisschen gießen, und siehe da, der Wein wuchs recht schnell. Er bahnte sich seinen Weg zum Licht, auf die Südseite zur Straße hin – und wuchs und wuchs und wuchs.

Damit die Pflanze nicht zum Nachbarn auf der Ostseite rankt, wird sie an der Seite weggeschnitten, ebenso am oberen Rand der Fassade, damit die Dachrinne frei bleibt. Dazu kommt einmal im Jahr ein Gärtner. Die Blätter, die zu den Fenstern hin wachsen, beschneiden die Bewohner selbst. „Wenn ich morgens aus dem Fenster schaue, fühle ich mich manchmal wie Dornröschen, nur ohne Dornen. Das hat schon etwas Märchenhaftes“, sagt der pensionierte Lehrer vom Annette-Gymnasium und lacht. Die grüne Fassade fällt auf. Immer wieder bleiben auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig Menschen stehen, machen Fotos und wundern sich ein bisschen über die natürliche Pracht.

Im Sommer erleben die Bewohner aber auch einen kühlenden Effekt. Die grüne Fassade trage dazu bei, dass sich das Gemäuer auf der sonnenbeschienenen Südseite nicht so schnell mit Wärme auflädt, meint Rintelen. Wie er sieht auch sein ehemaliger Kollege am Annette-Gymnasium, Wolfgang Treffeisen, viele Vorteile beim Wohnen hinter dem wilden Wein. „Wir wundern uns, dass nicht auch andere unserem Beispiel folgen.“

Während Efeu auch das Mauerwerk angreifen kann, sei dies beim Wein nicht der Fall. Vielleicht befürchtet mancher, dass die Natur  Überhand nehmen könnte. Zum Beispiel durch Mäuse, die am Wein hochklettern. Das kann passieren. Eine Zeitlang wurde das ein oder andere Mäuschen auf dem Balkon gesichtet, bestätigt Rintelen. Aber mit ein paar Lebendfallen wurden die kleinen Nager schnell hinausbefördert. Das Problem hatte sich erledigt.

Ein schöner Anblick bietet sich auch im Herbst, wenn sich einige Blätter bunt färben. Fallen sie ab, ist das mit ein wenig Arbeit verbunden. „Drei bis vier große Laubsäcke kommen schon zusammen“, sagt Rintelen. Die Fruchtstengelchen werden später entsorgt.

Apropos entsorgen: Wenn die Vögel von den roten Weinbeeren fressen, macht sich das auch in der Farbe ihrer Hinterlassenschaft bemerkbar. Zu Schulzeiten, wenn Rintelen unter einem Baum geparkt hatte, auf dem Vögel saßen, die vom Wein genascht hatten, fiel die besondere Färbung auf der Motorhaube auch seinen Schülern auf. Dann freuten sie sich über das Wortspiel: „Ihr Wagen sieht ja echt  beschissen aus.“

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