Düsseldorf: Als Benrath 1929 seine Selbstständigkeit verlor

Benraths Eingemeindung zu Düsseldorf vor 90 Jahren : Als Benrath seine Selbstständigkeit verlor

Am morgigen 1. August jährt sich die Eingemeindung von Groß-Benrath zum 90. Mal. Seit 1929 gehört der Stadtteil zu Düsseldorf.

Als Erich Custodis in Benrath 1926 Bürgermeister wurde, da ahnte er noch nicht, dass seine Amtszeit eine kurze von gerade einmal drei Jahren sein würde. Es war am 10. Dezember, als Custodis befördert worden, eigentlich für die Dauer von zwölf Jahren, bis 1938. Zuvor war er stellvertretende Bürgermeister und Erster Beigeordneter der Gemeinde gewesen. Doch es kam anders, denn am 1. August 1929, also morgen vor genau 90 Jahren, wurde Groß-Benrath im Rahmen der Neugliederung der Regierungsbezirke Düsseldorf, Münster und Arnsberg trotz heftigen Widerstands der Benrather von Düsseldorf geschluckt.

Damit war Custodis der letzte Benrather Bürgermeister. Zwar darf sich Karl-Heinz Graf seit April 2015 auch Bürgermeister nennen, allerdings ist er lediglich der Bezirksbürgermeister des Stadtbezirks 9 und hat vor allem repräsentative Pflichten.

Bis zur Eingemeindung gehörten auch Garath, Hassels, Hellerhof, Holthausen, Itter und Niederheid zur Bürgermeisterei Benrath sowie die Paulsmühle, Reisholz und Urdenbach. Wersten und Himmelgeist, die heute ebenfalls zum Stadtbezirk 9 zählen, waren schon zehn Jahre früher aus dem Süd-Verbund ausgetreten. Wersten trennte sich am 1. April 1908, Himmelgeist am 5. Februar 1909 während der ersten Gebietsrevision ab, bei der diverse Landgemeinden nach Düsseldorf eingemeindet wurden.

Erich Custodis, der 1926 Bürgermeister von Benrath wurde, kämpfte wie ein Löwe gegen die Eingemeindung. Foto: Custodis

Damals ging Benrath noch gestärkt aus diesem Verwaltungsakt hervor. So entstand die Großgemeinde Benrath, deren Gemeindevorsteher der Benrather Bürgermeister Julius Melies wurde. Jenes Stadtoberhaupt, das sich für den Erhalt des Schlosses Benrath einsetzte, dass es ohne ihn heute nicht mehr geben würde. Er hatte es der Preußischen Regierung für eineinhalb Millionen Goldmark abgekauft. Mehr als drei Jahre führte der Melies Verhandlungen mit der Preußischen Regierung. Die hatte nämlich Pläne, das Schloss abzureißen und auf dem Areal Wohnhäuser zu bauen.

Melies war also weitsichtig, aber kein so harter Gegner der Eingemeindung Benraths wie sein Nachfolger Erich Custodis, der mehr als 19 Monate erbittert gegen die Eingemeindung kämpfte. Dass Benrath gerne Stadtrechte erlangt hätte, beweist auch der Bau des repräsentativen Rathauses 1906. Das Rathaus, heute unter Denkmalschutz stehend, existiert immer noch, dort werden auch die Sitzungen der Bezirksvertretung abgehalten.

Ein Erinnerungsfoto: Im Juli 1929 stellte sich die Benrather Gemeindevertretung ein letztes Mal vor dem Rathaus an der Benrodestraße auf. Foto: Heimatarchiv Benrath

Doch vor 90 Jahren war es mit der Selbstständigkeit vorbei. Gemeinsam mit Kaiserswerth gehörte Groß-Benrath seit dem 1. August 1929 zu Düsseldorf. Als Argument seitens der Stadt war immer wieder zu hören, die umliegenden Ortschaften, also Benrath und Co., nutzten öffentliche Einrichtungen wie Theater, Bibliotheken und Schulen, ohne sich finanziell zu beteiligen. Dabei war für Düsseldorf vor allem das Industriegelände in Benrath und Reisholz lukrativ, denn die Stadt konnte auf ihrem eigenen Terrain kein geeignetes Gelände mehr anbieten. So legte sich die Stadt Düsseldorf mehr oder weniger in ein gemachtes Bett, wie es damals nicht nur das Benra­ther Tageblatt beschrieb.

Denn Benrath war eine florierende Gemeinde und die Entwicklung sei „eigengesetzlich verlaufen“, heißt es, und nicht wie Düsseldorf betonte, dass zwischen beiden eine starke bauliche, arbeitsmarktpolitische und kulturelle Verflechtung bestünde. Das Benrather Tageblatt sprach damals sogar von „kommunalem Imperialismus“.

Karl-Heinz Graf ist der aktuelle Bezirksbürgermeister. Foto: vam

Trotz allen Widerstands, trotz zahlreicher Gespräche Custodis’ mit dem damaligen Oberbürgermeister Robert Lehr, verabschiedete der preußische Landtag das „Gesetz über die kommunale Neugliederung des rheinisch-westfälischen Industriegebiets“. Mit 210 gegen 109 Stimmen. 28.661 Einwohner der Gemeinde Groß-Benrath waren nunmehr Düsseldorfer.

Eine Klage Benraths gegen das Land Preußen, das Gesetz zur Eingemeindung sei verfassungswidrig, wurde abgewiesen; eine Berufung war nicht möglich. Somit ging eine Ära vor 90 Jahren zu Ende.

Julius Melies, Custodis’ Vorgänger, ist der Schloss-Erhalt zu verdanken. Foto: n.n.

Ursprünglich wurde die Gegend um das heutige Benrath „Rode“ genannt. Der Name Benrath leitet sich von Benrode ab. Urkundlich wird Benrode 1222 zum ersten Mal erwähnt, und zwar die Ritterfamilie Benrode. Das Dorf entstand langsam, während die Kirche in Benrath schon 1299 schriftlich belegbar ist.

Noch heute fühlen sich die alteingesessenen Benrather in erster Linie als Benrather, und erst danach als Düsseldorfer. Sie gehen ins Dorf (nach Benrath) oder in die Stadt, und meinen damit Düsseldorf. An Selbstbewusstsein mangelt es also nicht. Und auch bei der Eingemeindung konnten die Benrather einige Sonderrechte herausholen. Als Zugeständnis billigte die Stadt Düsseldorf laut Verfügung vom 8. Oktober 1929 einen gesonderten Verwaltungsbeirat und eine eigene Verwaltungsstelle für die Benrather. Sie erlangten Sonderrechte, die teilweise noch heute gelten, beispielsweise eine eigene Bezirksvertretung (die es schon in den 1930er Jahren gab), eine eigene Außenstelle der Bundesagentur für Arbeit (heute Reisholzer Werftstraße) und ein eigenes Standesamt (im Benrather Rathaus). Nicht zu vergessen das Schloss, durch das der Stadtteil zusätzlich seine Außergewöhnlichkeit dokumentiert.

Und wie ging es mit der Karriere des letzten Benrather Bürgermeisters weiter? Laut Gesetz der kommunalen Neugliederung stand ihm ein adäquater Job zu. Doch Custodis lehnte unter anderem das Amt des Justitiars der Stadt Düsseldorf als nicht gleichwertig ab. Dass es keine vernünftige Stelle für ihn gab, bescheinigte ihm auch ein Schiedsgericht. Custodis bemängelte, seine seit „fünf Viertel Jahren „unfreiwillige Beschäftigungslosigkeit“.

Laut Vertrag hätte er bis zum Ablauf seiner zwölfjährigen Amtszeit am 20. Dezember 1938 seine Bezüge weiter beziehen können. Stattdessen kündigte er den Dienst bei der Stadt und ließ sich als Rechtsanwalt des Oberlandesgerichts nieder und zog nach Oberkassel.

Nach dem Krieg und dem Entnazifizierungsverfahren (wo er als sauber galt) berief ihn die Besatzungsmacht ironischerweise zum Oberbürgermeister. „Doch er war nicht gewillt, sich den Forderungen zu beugen, die er vor seinen Bürgern nicht vertreten konnte“, heißt es rückblickend nach seinem Tod.

Dennoch trat Custodis wieder in die Dienste der Stadt Düsseldorf ein, als Leiter des Haupt- und Personalamtes wurde er Beigeordneter der Stadt Düsseldorf und konnte sich wieder für Benrather Belange stark machen. Zum Beispiel für den Stadtvertreterbeirat, der 1954 von der Bezirksvertretung abgelöst wurde. Im selben Jahr bezog er übrigens wieder seine ehemalige Dienstwohnung im Benrather Rathaus.

Die Benrather Bezirksvertretung gibt es also schon seit mehr als 60 Jahren, während sie in den anderen Stadtteilen erst 1975 eingeführt wurde. Sicherlich ein Verdienst Custodis’, dessen Widerstand gegen die Eingemeindung noch heute in Benrath spürbar ist, weil er Vorteile ausgehandelt hatte.

Erich Custodis starb am 20. Dezember 1960 im Alter von 73 Jahren im alten Benrather Krankenhaus an der Hospitalstraße. Benrath wäre ohne ihn heute nicht, was es ist: Ein selbstbewusster Düsseldorfer Stadtteil mit Sonderstellung. Fehlt nur noch eine Straße in Benrath, die nach ihm benannt wird.