Autor Frank Lorentz besucht die Schöne Aussicht in Benrath

Serie Heimatreporter: Spiel mir das Lied von der schönen Aussicht

Unser Autor besuchte die Schöne Aussicht in Benrath und traf dort auf einen Weinhändler.

Ich weiß nicht, was es Schöneres geben kann als eine schöne Aussicht. Eine schöne Aussicht belebt, erfüllt mit Energie. Deshalb war ich hocherfreut, in Benrath die Adresse „Schöne Aussicht“ zu entdecken. So heißt in dem für sein Schloss und seinen Park berühmten Stadtteil nicht nur eine (eher unscheinbare) kurze Straße in Rheinnähe. Sondern auch eine Bushaltestelle, die noch näher am Rhein dran ist als die Straße.

Und warum heißt das alles so? Na, wegen der schönen Aussicht, die man hier auf die Natur und den Rhein hat. Wegen des Rheinbogens. Der Rhein liegt hier wie eine Schlaufe um den „Zonser Grind“. Er ist so kurvig, als hätte er bei seiner Entstehung überlegt: Mist, hier geht’s nicht weiter, muss ich wohl einen U-Turn hinlegen. „Das ist ja schöner als der Rheinknick an der Loreley“, sagte ich zu dem dunkel gekleideten weißhaarigen Herrn, der gerade seinen Audi-SUV geparkt hatte und nun – wie ich – den Weg am Ufer der schönen Aussicht entlangspazierte.

„Ja“, sagte er und schob sich eine Zigarette in den Mund. „Aber wenig Wasser.“ Ich: „Aber es reicht gerade noch für die Schiffe.“ Er, die Zigarette anzündend und mit zusammengekniffenen Augen in eine unbestimmte Ferne schauend: „Es reicht noch.“ Mit diesen Worten ging er seines Weges, cool wie Charles Bronson alias Cheyenne am Ende von „Spiel mir das Lied vom Tod“.

Aber ich wollte ja das Lied von der schönen Aussicht spielen. Die Sonne schien. Ein paar wenige Spaziergänger säumten den Uferweg. Mütter mit Kinderwagen, die sich leise unterhielten. Jogger. Radfahrer. Ich hörte Vogelgezwitscher, fast wie im Frühling.

Der nächste Passant, den ich ansprach, war ein Mann, der seinen Hund Gassi führte. Ich deutete auf den Uferweg, der mir – in beide Richtungen – endlos vorkam oder zumindest sehr, sehr lang. Ich fragte den Mann, in die eine Richtung deutend: „Wohin führt der Weg, wenn man ihn immer weitergeht?“ Er: „Bamberg.“ Ich: „Bamberg?“ Er nickte. Ich: „Wirklich Bamberg? Bayern?!“ Das Schlimme war, ich hielt das nicht einmal für ausgeschlossen. Genau diese Vorstellung hatte ich ja spontan gehabt: Dass der Weg endlos sei. Der Mann grinste mich an und korrigierte sich: „Baumberg. Monheim. Das sind vier, fünf Kilometer.“

Ich ging weiter, entdeckte den Ruderclub RG Benrath, sagenhafte 110 Jahre alt. Gleich daneben ein Tennisclub, eröffnet 1912. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber ich bin fähig, mich blitzartig ferienreif zu fühlen, wenn ich einen Ort gefunden habe, an dem ich bleiben möchte. Die schöne Aussicht war genau solch ein Ort. Das stand spätestens fest, als ich mit einer Dame ins Gespräch kam, die mit Gartenarbeiten auf einem großen Grundstück unmittelbar am Ufer beschäftigt war.

Sie erzählte mir, dass der Garten früher zu einem Restaurant gehört hätte, das aber vor langer Zeit dichtgemacht hätte, und dass er heute von den Bewohnern des angrenzenden Mehrfamilienhauses genutzt würde. Auf einmal fühlte ich mich, wie soll ich es nennen, so belle-epoquemäßig.

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Ich sah mich vom Ruderclub kommen und im Restaurant eine Stärkung zu mir nehmen, ehe ich auf dem Tenniscourt zwei, drei Sätze spielen würde. Und abends dann Violinkonzert im Schloss mit anschließendem Lustwandeln im Park. Ich fragte die Dame: „Eine schönere Lage für ein Restaurant ist kaum denkbar. Wieso gibt es das nicht mehr?“ Sie sagte, es habe sich wohl nicht mehr gelohnt, und erwähnte die Benrather Restaurants Pigage und Levante, die den Bedarf wohl deckten.

Pigage und Levante – wem bei solchen Namen nicht augenblicklich nach Urlaub zumute ist, dem ist nicht zu helfen, dachte ich. Und dann: Verrückt, wenn etwas lange funktioniert und dann plötzlich nicht mehr. Ich drücke ganz fest die Daumen, dass dem Weinladen von Armin Bruch dieses Schicksal erspart bleibt.

Sein Laden, gleich neben der Haltestelle „Schöne Aussicht“ gelegen, ist der schönste, den ich je gesehen habe. Er befindet sich im Garten hinter Bruchs Wohnhaus – dort, wo die Aussicht auf den Rheinbogen die allerschönste ist. In dem Garten wächst ein Pfirsichbaum. Und ein Kirschbaum. Und die Pergola ist mit Wein bewachsen. Bruch hatte seinen Laden an dem Tag eigentlich geschlossen, er machte aber trotzdem auf: „Schauen Sie sich um“, sagte er. „Aber lassen Sie mich in Ruhe arbeiten.“ Ein Sturm hatte seinen Garten durcheinandergewirbelt, er hatte mit Aufräumen zu tun.

Ich betrat die Weinhandlung, untergebracht in dem alten, bis unter das Dach mit Flaschen vollgepackten Gartenhäuschen. Bruch hat nur badische Weine im Sortiment. „Das sind die teuersten, aber auch die besten“, erzählte er in einer Aufräumpause. Und als hätte er auf einmal alle Zeit der Welt, berichtete er von früher, den 80er Jahren, als er mit dem Handel begonnen hatte. „Kennen Sie das alte Reichswassergesetz? Das geht so: Wenn Sie hier auf den Rhein schauen und ein Schiff kommt vorbei, müssen Sie einen heben.“

Er erzählte auch von seinen zwei längst erwachsenen Kindern. Von seiner Tochter, die, als sie noch ein kleines Kind war, ihrem Onkel, wenn der ihren Vater besuchte und mal wieder weintrinkend in den Anblick des Rheinbogens vertieft war, immer über die Glatze streichelte.

Armin Bruchs Ausführungen mündeten in der Diagnose, dass auf dem Rhein früher viel mehr Schiffe unterwegs gewesen seien als heute. Und dass die jungen Leute von heute ihren Wein lieber im Baumarkt kauften oder in der Tankstelle. Er schien Sympathie zu entwickeln für die Idee, einen Nachfolger zu finden.

Wir standen im Garten, und ich sah noch einmal zum Pfirsichbaum und zum Kirschbaum. Zu der Pergola. Zu dem Laden, der so gemütlich wirkte, dass man dort versacken will, zumal im Herbst, wenn es stürmt. Zu guter Letzt sah ich auf den Rheinbogen. Schließlich sagte ich zu Bruch: „Okay, ich übernehme. Kriege ich auch Ihr Wohnhaus?“ Er lachte und schüttelte den Kopf. Und ich verstand sofort: Es gibt keine weniger schöne Aussicht, als die schöne Aussicht in Benrath aufzugeben.

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