Düsseldorf : Mit dem Motorrad auf Großvaters Spuren durch Russland

Die Düsseldorfer Künstlerin und Motorradfahrerin Melanie Stegemann brach zu einem „Ride of Understanding“ durch Russland auf. Der Plan: 15.000 Kilometer mit dem Motorrad durch das Land zu fahren auf den Spuren ihres Großvaters, der dort in Gefangenschaft war, aber auch um die junge Generation kennen zu lernen.

Die Fußball-WM war es, die sie zu dieser Reise inspirierte. Denn so war Russland häufig Gesprächsthema. Die heftig diskutierte Menschenrechtspolitik beschäftigt sie, andererseits reizte es sie auch, die Menschen dort näher kennen zu lernen. Russland entfachte die Neugierde der Künstlerin Melanie Stegemann noch einmal neu. Seit Ende Juni ist sie nun auf Tour durch das Land, an das sie 1000 Fragen hat. Alleine auf ihrem Motorrad, im Gepäck ihre Kamera. Herauskommen wird ein Kunstprojekt – ihr Herzensprojekt.

Ein Interesse an Russland hatte sie schon immer. Ihr Großvater war dort nach dem Zweiten Weltkrieg lange in Gefangenschaft, und der erzählte ihr viel von dieser Zeit. Vor Jahren war sie schon einmal in Russland, damals in Pskow, einer Großstadt im Nordwesten des Landes. Jetzt will sie das Land auch abseits der Metropolen kennenlernen.

Melanie Stegemann macht Zwischenstopp. Im August wird sie 35, da ist sie wohl noch auf Tour. Foto: Anton Sliountchenko

Ihr Umfeld reagierte durchaus besorgt auf ihr Vorhaben. Insbesondere ihre Mutter war wenig angetan von der Vorstellung, dass ihre Tochter allein durch dieses Land reist. „Schau dir die Welt doch mal an“, sagte sie. „Genau das mache ich doch“, entgegnete Melanie Stegemann. Den Menschen vor Ort will sie offen und vorurteilsfrei begegnen. „Die Russen sind ja keine Feinde“, sagt sie. Eine Einstellung, die auch ihr Großvater trotz seiner Kriegserlebnisse teilt und gespannt auf ihre Berichte nach ihrer Rückkehr wartet. „Er war sofort von meiner Idee begeistert“, erzählt sie.

Unterwegs durch Russland auf ihrem Bike. Melanie Stegemann macht auf Fotos für ihren Blog. Foto: Melanie Stegemann

Von Düsseldorf aus verläuft ihre Tour über Polen und Weißrussland nach Russland, das sie bis zum Uralgebirge bereisen will. Anschließend geht es über die Ukraine und Polen wieder zurück nach Deutschland. Drei Monate soll die Reise insgesamt dauern. Zwei Orte bereiste sie schon, an denen ihr Großvater vor knapp 70 Jahren war, sie fand die ehemalige Lagerstätte und das Hospital, in dem ihm das Leben gerettet wurde. „Sehr aufregend alles.“ Aktuell ist sie in Wologda, schaut sich jetzt Sokol an und will dann nach Kostromar.

Die 34-Jährige studierte an der Düsseldorfer Kunstakademie Fotografie und sieht daher Kunst als Weg, ihr Anliegen auszudrücken. Daher betreibt sie einen Blog: www.go-your-heartest.com. Zudem soll im Anschluss an ihre Reise ein Film entstehen, der ihre Erlebnisse und vor allem die Begegnungen mit den Menschen transportiert. Um sich besser mit den Menschen verständigen zu können, lernt sie seit einem halben Jahr Russisch. Bislang habe aber eine Verständigung im Zweifel auch ohne Worte funktioniert, berichtet sie: „Lachen ist eine internationale Sprache.“

Ihre gesamte Reise bestreitet sie auf ihrem Motorrad. Es verschafft ihr Flexibilität, und das Bike ist ein Türöffner. „Die Leute sind total neugierig und kommen auf mich zu.“ Die Reise ist dadurch jedoch nicht unbedingt leichter: Rund 30 Kilogramm Gepäck hat sie dabei, darunter Kamera, Laptop, Zelt, auch ein paar Ersatzteile für den Fall, dass ihre Maschine streiken sollte. Für Notfälle hat sie sich ein paar Adressen für technische Hilfe notiert, aber Sorgen, dass sie irgendwo stranden könnte, macht sie sich nicht.

„Es gibt immer eine Lösung“, sagt sie, was auch insgesamt gut ihre Einstellung für ihre Unternehmung ins Ungewisse beschreibt.