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Düsseldorf: Nassrin Azarmi — eine Diva geht in Rente

Düsseldorf : Nassrin Azarmi — eine Diva geht in Rente

Nassrin Azarmi war 42 Jahre lang Mitglied im Ensemble der Oper am Rhein, am Wochenende hat sie ihre letzte Vorstellung.

Als Nassrin Azarmi fünf Jahre alt war, hatte sie genug von den ewigen Streitereien ihrer drei Geschwister. Sie klinkte sich also einfach aus, setzte sich vor das Radio in der elterlichen Wohnung und hörte zu. Das Programm war bunt gemischt, ja, es gab klassische Musik, es gab Schlager und viele Volkslieder. Wenn es nichts mehr für sie zu hören gab, dann verzog sie sich nach oben. Das Mädchen saß dort über den Dächern Teherans und sang, was sie vorher gehört hatte. Sie sang zum Beispiel auch das israelische Volkslied "Hava Nagila", und die Nachbarn nannten sie das lebende Radio, damals. Vor der islamischen Revolution, in einem Land, das noch Persien hieß.

Azarmi blickt voller Wärme zurück auf ihre ersten Jahre, da ist kein Hass oder Frustration, wie bei vielen Exil-Persern. Azarmi ist nicht so. 42 Jahre lang war sie Mitglied im Ensemble der Oper am Rhein, am Wochenende hat sie ihre letzte Vorstellung, und sie sagt, dass diese Jahre wundervoll waren. Ausnahmslos, selbst dieses in Rente gehen hat für sie keinen Schrecken: Wenn eine Operndiva in Rente geht, mag sie nicht mehr singen, doch sie bleibt eine Diva — und das hat auch etwas mit Haltung zu tun. Wehmut Fehlanzeige: "Ich bleibe ja ein Teil dieser wunderbaren Familie hier an der Oper", sagt sie.

Fast 90 Rollen hat sie gesungen, Mozart, Strauss und Verdi. Das Düsseldorfer und Duisburger Publikum konnte sie häufig als Blonde in Mozarts "Die Entführung aus dem Serail", als Musetta in Puccinis "La Bohème" und als Clorinda in Rossinis "La Cenerentola" erleben. Ihre Lieblingspartie war Gilda in Verdis "Rigoletto". Sie liebt Gilda, und als die Oper von Jean-Pierre Ponnelle inzeniert wurde, war sie sogar Gilda, sagt sie. Diese schwer fassbare Frau, Tochter des Rigoletto, scheinbar ein Spielball der Männer, scheinbar ein Opfer ihrer mädchenhaften Verliebtheit, doch am Ende bestimmt sie das Geschehen. Auch Nassrin Azarmi lässt sich nicht in die Karten gucken. Sie lebt allein in Pempelfort — doch einsam sei sie nie gewesen. Schon als 21-Jährige nicht, als sie nach Düsseldorf kam.

Letztlich verdankt sie ihre Karriere dem thailändischen König Bhumibol. Der war beim Schah zu Besuch und hatte ein Lied geschrieben. Im Konservatorium wurde sie ausgewählt, um dieses Lied im Palast zu singen. Ein denkwürdiger Abend, denn ein paar Tage später bekam sie die Nachricht, dass ihr ein Stipendium zugestanden wurde. Sie ging nach Wien, kam dann an den Rhein. Gastspiele führten Nassrin Azarmi an verschiedene Opernhäuser weltweit, nach Paris, Chicago, San Francisco und an die Opéra Lyon, wo sie die Donna Anna in Mozarts "Don Giovanni" sang. Auch bei den Salzburger Festspielen war die Künstlerin. Heute singt sie nun als Annina in Verdis "La Traviata" im Theater Duisburg ihre letzte Partie als festes Ensemblemitglied der Deutschen Oper am Rhein. Der Vorhand fällt, und sie nimmt es gelassen hin, sagt sie. Sie will nun wandern, ein wenig reisen und Yoga machen. Azarmi ist vollkommen gesund, es geht ihr gut, sie wird auch weiter singen, aber natürlich anders. Sie sagt, sie könne nun machen, was sie wolle.

(RP)