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Online-Kommentator: Herr Lückerath mag den Mund nicht halten

Online-Kommentator : Herr Lückerath mag den Mund nicht halten

Früher, in einem anderen Leben, als Klaus Lückerath nur Leser war, gab es oft diesen Dialog zwischen ihm und der RP-Redaktion: RP: "Vielen Dank für Ihren Leserbrief, Herr Lückerath - aber wir können den nicht drucken."

Früher, in einem anderen Leben, als Klaus Lückerath nur Leser war, gab es oft diesen Dialog zwischen ihm und der RP-Redaktion: RP: "Vielen Dank für Ihren Leserbrief, Herr Lückerath - aber wir können den nicht drucken."

Lückerath: "Warum nicht?" RP: "Weil wir in den letzten Wochen schon zweimal Briefe von Ihnen genommen haben. Wir legen Wert auf Meinungsvielfalt, andere müssen ebenfalls zu Wort kommen." Lückerath: "Aha!"

Der heute 74-jährige Rentner war halt schon immer meinungsfreudig. Und weil er der Ansicht ist, ebendiese müsse auch nach draußen, schrieb er Briefe. Nicht nur an die RP. Aber wirklich zufrieden war der gelernte Bäcker und spätere Marketing-Experte einer Brauerei mit der Resonanz nicht.

Bis er die unendlichen Weiten des Internets für sich entdeckte. Er fand Online-Foren, Blogs, Kommentar-Portale - und von dort rief keiner an und sagte "Das nehmen wir nicht!" Leser Lückerath wurde zum User, und zwar zum sehr munteren. Nun konnte er nach Herzenslust kommenieren, kritisieren, lamentieren. Was er auch tat. Und das Beste: Er wurde gelesen! Denn in dieser virtuellen Welt ist Herr Lückerath keineswegs allein und einmalig. Nein, da sind viele wie er unterwegs, leider auch viele, die das haben, was der Rheinländer salopp "einen Knall" nennt.

Zu denen gehört Herr Lückerath sicher nicht. Was er schreibt - und er schreibt so einiges - hat Hand und Fuß, er argumentiert schlüssig. Und er wird schlimmstenfalls polemisch, aber nie beleidigend. Dass er einigen auf die Nerven geht mit seiner Meinungsfreude, das ist ihm bewusst - und egal. "Man muss eine Meinung haben und sie auch kundtun!" ist sein Motto.

Seine Gegen- und Mitstreiter im Netz sehen das wohl so ähnlich. Was häufig zu nickeligen Gefechten untereinander, meist bei RP Online, führt. Da geht es schnell nicht mehr (nur) um die Sache, sondern man giftet sich gegenseitig an. Herr Lückerath musste sich da schon manche Beleidigung ansehen, was ihn aber nicht wirklich stört. "Die Anonymität verleitet zu härterer Sprache," hat er festgestellt. Anonymität gibt es bei ihm allerdings nicht, er ist immer mit echtem Namen dabei - schließlich ist er geprägt von Zeiten, als man auf Papier schrieb. Mit Absender und Unterschrift - offenes Visier.

Gelegentlich bekommt der 74-Jährige böse Anrufe, aber auch Zuspruch - genau das, was er sucht. Wenn er morgens die Zeitungen gelesen hat - die RP als App, die WZ auf Papier - geht es an den PC. Der steht im Arbeitszimmer, darüber eine Weltkarte. Das Wohnzimmer prägen prall gefüllte Bücherregale, neben dem Sessel liegt ein Roman von John Irving, an der Wand Bilder im Stil Edward Hoppers - sehr amerikanisch. Das ist kein Zufall: Ein großer Teil der Familie lebt dort, zweimal pro Jahr macht er Urlaub in Florida mit Ehefrau Heidrun (72).

Die bremst bisweilen sein Mitteilungsbedürfnis - und Herr Lückerath mag dann doch lieber den Mund halten.

(RP)