Florence Hervé: Eine unbeugsame Aufklärerin

Florence Hervé: Eine unbeugsame Aufklärerin

Jeder Mensch hat Bilder im Kopf und Vorurteile. Zum Beispiel über Feministinnen. Oder über Autoren, die sich mit der Aufarbeitung der Verbrechen der Nazis beschäftigen, auch 70 Jahre nach dem Kriegsende. So jemanden stellt man sich sehr ernst und streng vor, vielleicht sogar mit einer Schwere, die etwas Niederdrückendes hat.

Wenn man Florence Hervé in ihrer Altbauwohnung in Flingern trifft, dann kann man sich von diesen Vorurteilen schnell verabschieden. Auch wenn sie nach Art der französischen Existenzialisten in Schwarz gekleidet ist, strahlt sie etwas Heiteres aus. Dass sie nicht in die gängigen Schubladen passt, erlebte die französische Autorin selbst, als sie Ende der 70er Jahre nach Düsseldorf kam und einmal in ein Frauenzentrum ging. Die Frauen dort sagten ihr, dass sie mit Mann und zwei Kindern zu viele Kompromisse mache. "Kompromisse? Welche Kompromisse?", fragte sie sich, und wenn sie dies erzählt, klingt immer noch ein wenig die französische Sprachmelodie darin mit.

In diesen Tagen ist Florence Hervé mit ihrer Arbeit in der Stadt besonders präsent: Gestern las sie aus ihrem neuesten Buch im Künstlerverein Onomato, in der aktuellen Ausgabe der Obdachlosenzeitschrift Fiftyfifty hat sie das Editorial und einen großen Artikel zu "Frauen für den Frieden" geschrieben. Am 24\. März hält sie zu diesem Thema einen Vortrag im Zakk.

Mit der deutschen Sprache beschäftigte sie sich schon als Schülerin in den 50er Jahren. Sie wuchs nahe Paris in einer bildungsbürgerlichen Familie auf, die Urlaub in Deutschland machte. Dort lernte sie ein älteres Mädchen aus Düsseldorf kennen, mit der sie eine Brieffreundschaft begann. Die junge Französin begeisterte sich für Heinrich Heine, Französin Bertolt Brecht und Kafka, aber auch romantische Komponisten wie Robert Schumann. Von den Gräueltaten der Nazis erfuhr sie durch den Dokumentarfilm "Mein Kampf" von Erwin Leiser. Die Bilder der Leichenberge und der Widerspruch zwischen dem Grauen und den von ihr geschätzten deutschen Werken ließ sie nicht mehr los. "Ich wollte verstehen", sagt sie. Statt zum Studium nach Paris ging sie nach Bonn und absolvierte mit 19 Jahren ihr Übersetzerdiplom. Sie schloss ein Germanistikstudium an, bekam früh zwei Kinder und merkte, dass Studium und Familie auf diese Weise nicht zu bewerkstelligen waren. Ein Problem, das sie aus Frankreich nicht kannte. Doch in der aufkommenden Studentenbewegung erlebte sie, dass sie mit dem Problem nicht alleine war und engagierte sich für die Rechte der Frauen.

Zu den Aktivitäten, die sie bis heute als Freiberuflerin ausübt, zählt die Leitung eines Frauengesprächskreises bei der VHS. Als es dort einmal um die Gräueltaten der Nazis in Frankreich ging und das Massaker von Oradour zur Sprache kam, erlebte Florence Hervé eine ältere Dame aus Oberkassel, die diese Verbrechen leugnete und widersprach ihr. Schließlich hatte sie vor knapp zwanzig Jahren den Ort in der Normandie besucht, mit Zeitzeugen gesprochen und ein Buch darüber verfasst. Die Empörung blieb und wuchs durch einen Leserbrief mit dem gleichen Tenor. Als Bundespräsident Joachim Gauck in Oradour zwar seine Bitterkeit über die schrecklichen Geschehnisse ausdrückte, aber sich nicht dafür entschuldigte, beschloss sie, das vergriffene Buch neu zu überarbeiten und zweisprachig herauszugeben: "Oradour - Geschichte eines Massakers" gibt die Geschehnisse wieder, als am 10\. Juni 1944 die SS-Panzerdivision "Das Reich" in das Dorf im nordwestlichen Zentralmassiv kam, um dort 642 Menschen umzubringen. Die Schilderungen der Zeitzeugen, die das Massaker als Kinder erlebten, gehen sehr nahe. Den Deutschen begegneten sie mit Neugier und ohne Furcht. Kein Gedanke daran, dass sie kamen, um zu morden.

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Sie habe keine Freude daran, immer die gleichen Sachen zu erzählen, sagt Florence Hervé. Aber wenn sie höre, dass Menschen diese Taten leugneten und die Täter ungestraft davon kamen, dann müsse daran erinnert werden. Zu den Hauptverantwortlichen des Massakers zählte ein Düsseldorfer Bauunternehmer, Heinz Lammerding. Er lebte bis zu seinem Tod 1971 unbehelligt weiter und wurde auch nicht an Frankreich ausgeliefert, wo er zum Tode verurteilt worden war.

Als im vorigen Jahr Florence Hervé mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet werden sollte, lehnte sie ab. Die unzureichende Aufarbeitung dieser und anderer Verbrechen in der Nazizeit nannte sie als einen der Gründe. Sie wolle auch nicht in einer Reihe mit Nazis stehen, denen die Ehrung verliehen und nicht nachträglich aberkannt wurde. Zur Verleihung zu gehen und öffentlich die Annahme zu verweigern, kam ihr aber nicht in den Sinn. "Das wäre Theater gewesen, das ist nicht mein Ding. Mir geht es um die Sache."

Sonja Schmitz

(RP)
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