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Düsseldorf: Schausteller schreibt Brandbrief an Kanzlerin - wegen verzögerter Coronahilfen

Wegen verzögerter November-Hilfen : Düsseldorfer Schausteller schreibt Brandbrief an die Kanzlerin

Der Düsseldorfer Schausteller Oscar Bruch hat einen Brandbrief an die Kanzlerin geschrieben - und sorgt damit in den sozialen Netzwerken für Furore. Er schreibt sich darin seine Wut und Ängste von der Seele – und für seine Schausteller-Kollegen gleich mit.

Dem Schausteller Oscar Bruch platzte jetzt der Kragen: In einem offenen Brief an die Bundesregierung prangert er den Existenzkampf seiner Branche an. Das Schreiben ist an die Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten adressiert.

„Wie Sie wissen, sind auch für dieses Jahr wieder viele Volksfeste abgesagt worden“, schreibt Bruch. „Die Perspektiven sind für uns, unsere Familien und Mitarbeiter düster. Uns zittern die Hände, während wir diese Zeilen schreiben, da sich für uns momentan existenzielle Fragen stellen.“ Es gehe um die Existenz der gesamten Branche, „in die wir meist hinein geboren sind“.

Er und seine Branchenkollegen sähen gerade, „wie in unserem Umfeld ohne Rückhalt die meisten Lebenswerke, die über Generationen aufgebaut wurden, jämmerlich und hilflos zugrunde gehen“.

Die existenziell bedrohliche Situation umreißt Bruch folgendermaßen: „Wir leihen uns Geld bei Eltern und Freunden, uns werden Konten von Krankenkassen oder dem Finanzamt gesperrt, und ein großer Teil von uns ist hart verschuldet, weil die angekündigten Hilfen von November und Dezember 2020 immer noch nicht ausgezahlt worden sind. Unsere jahrelangen Mitarbeiter wechseln in andere Branchen.“ Manche würden langsam mürbe. „Viele verlieren dem Lebensmut. Die Nerven liegen blank.“

Die Schausteller hätten ihren Teil zum Wohlstand dieses Landes beigetragen und seit jeher tagtäglich zehn bis 16 Stunden geackert, ob an den Wochenenden oder Feiertagen. „Wir haben uns darüber nicht beschwert, obwohl es uns schon vor der Pandemie nicht besonders gut ging. Aber jetzt geht es für uns um alles.“

Deshalb unterbreitet Oscar Bruch diese Bitte: „Wir benötigen einen Plan. Ohne Aufschub.“ Die Angestellten liefen momentan systematisch davon, um in andere Branchen zu wechseln – der dramatische Facharbeitermangel habe aber bereits vor Corona bestanden.

„Wir bitten Sie wirklich, alles in Bewegung zu setzen, damit die Hilfen für November und Dezember endlich ausgezahlt werden. Momentan brauchen wir akut Liquidität. Wir sind nicht mehr in der Lage, zwei bis drei Monatswechsel vorzustrecken.“

Bruch weiter: „Wir möchten sicherere Orte für Freizeitaktivitäten und Brauchtum anbieten und garantieren. Genau aus diesem Grund sind Volksfeste sicherer als öffentliche Plätze und Fußgängerzonen. Wenn Sie in der Innenstadt flanieren oder am Rhein spazieren, ist die Besucherdichte größer als auf einer Veranstaltungsfläche mit definierten Besucherzahlen und einem ausgearbeiteten Hygienekonzept. Dies konnten die Schausteller anlässlich einiger weniger Sonderveranstaltungen unter Beweis stellen.“

Bruch erinnert außerdem daran, dass bereits im Vorjahr alle Volksfeste in Deutschland abgesagt wurden, „unsere letzten regulären Einnahmen waren im Dezember 2019“. Wenn es eine Zukunft für Kirmes, Schützenfest, Wiese und Weihnachtsmärkte geben solle, „dann greifen Sie uns bitte jetzt unter die Arme. Wir brauchen in diesem Augenblick die versprochenen Gelder, um die nächste Zeit überstehen zu können. Wir benötigen dringend eine Perspektive, um in kleinen Schritten wieder ans Laufen zu kommen.“

In sechster Generation – seit 1848 – liefert die Düsseldorfer Familie von Oscar Bruch Jr. (57) Emotionen, alles begann mit einem selbstgebauten „Caroussel“. Seither reisen die Bruchs von einem Volksfest zum nächsten. Dabei sind die Riesenräder von Bruch Jr. europaweit Attraktionen. Eines davon steht noch bis Ostern auf dem Burgplatz – allerdings still.

Bruchs Brandbrief sorgte bereits für ein großes Echo in den sozialen Medien. Allein auf Facebook wurde er mehr als 1000 Mal geteilt. Likes gab es von bekannten Düsseldorfern wie den Gastronomen Kerstin Rapp-Schwan, Giuseppe Saitta, Isa Fiedler sowie Ratsherr Andreas Hartnigk.

(bpa)