Düsseldorf: Marc Meyers Seelenbalsam und sein A&O-Store in den Schadow Arkaden

Musikexperte in Düsseldorf : Marc Meyers Seelenbalsam

Vor 15 Jahren eröffnete Marc Meyer sein kleines Kulturhaushaus A&O-Medien auf der ersten Etage in den Schadow Arkaden. Eine gute Gelegenheit, eine Party für Kunden und Weggefährten zu schmeißen. Und um in Erinnerungen zu schwelgen, die viel mit Vinyl zu tun haben.

Eigentlich unspektakulär begann die Karriere des Musikexperten Marc Meyer. Als Student jobbte er im Carschhaus. „Zur Eröffnung hieß es, die hätten eine große Plattenabteilung, das war sofort meine Welt“, sagt der 57-Jährige, der Jahre später sein Germanistikstudium abbrach und dort seinen ersten Arbeitsvertrag unterschrieb. Dann gab es WOM – World of Musik und den damit verbundenen Ortwechsel nach München zur Zentrale der damals größten Musikkette in Deutschland. Auch den Switch zu einem anderen Giganten bereute er nie: Das war der größte Einzelhändler im globalen Musikgeschäft namens HMV. Doch das alles ist schon lange Geschichte.

Seit 15 Jahren führt Marc Meyer seinen Mini-Musiktempel A&O auf der ersten Etage in den Schadow Arkaden und meint: „Ich war hartnäckig und zäh, als ich mir in den Kopf gesetzt hatte, mich selbständig zu machen.“ Zwei Mal hätte man ihm sein „Spielzeug“ weggenommen – WOM und HMV Deutschland sind mittlerweile Geschichte. Den Sprung in die Selbständigkeit wagte er mit einem damaligen Kollegen, Carsten Wien. „Das war ein ganz schöner Schnellschuss“, sagt Meyer mit leicht aufgerissenen Augen, als ob er es selber noch immer nicht so recht glauben kann. „Wir bekamen den Tipp, dass eine Fläche in den Schadow Arkaden frei ist. Am 12. November war Schlüsselübergabe, am 1. Dezember eröffneten wir. Kaum dreht man sich um, sind 15 Jahre vorbei. Wahnsinn.“

Groß feiern will er dieses Ereignis am heutigen Samstag (30. November) ab 10 Uhr – Ende offen. Auch Carsten Wien wird sicher kommen, der sich zwar vor vier Jahren mit dem Fahrradcafé ­„Schicke Mütze“ an der Talstraße neu erfand, Meyer aber noch eng verbunden ist. Der freut sich auf seine kulturinteressierten Kunden, die Lust haben auf ein kenntnisreich ausgesuchtes Sortiment an Musik und Film – CDs, DVDs, Bücher und Vinyl-Platten. Und die Lust haben auf ein Gläschen Sekt oder Bier und die Aussicht, möglicherweise den einen oder anderen Musikstar zu treffen. Michael Breitkopf von den Toten Hosen, Florian Schneider-Esleben von Kraftwerk, Rudi Esch (langjähriger Bassist von „Die Krupps“) und Regisseur Wim Wenders haben hier schon eingekauft. Glen Matlock, Sex-Pistols-Gründer, war kürzlich zur Autogrammstunde bei ihm.

Während lässige Jazz-Musik im Hintergrund läuft und Meyer es sich im Bauhaus-Sessel gemütlich gemacht hat, kommt er ins Sinnieren. „Ich liebe meinen Beruf, das alles hier ist meine Leidenschaft, aber klar ist ja auch, dass auch das eine bewegte Branche ist.“ Und dann rechnet er grob vor: 3,5 Milliarden Euro setzte die Musikbranche Mitte der 1990er Jahre noch in Deutschland um – jedes Jahr. „Heute ist das vielleicht noch ein Drittel. Jobs fallen dementsprechend weg. Streaming-Dienste sind angesagt.“ Als Meyer anfing, „da gab es gerade die ersten bezahlten Downloads, die lernten gerade gehen“. Der digitale Umsatz liege heute bei fast 60 Prozent.

Er bietet den unaufhaltsamen Trends rebellisch die Stirn. „Plattenspieler sind für uns ein wichtiges Thema – die Sehnsucht nach Analogem ist groß. Das Gerät bedeutet Entschleunigung, es ist fast eine Frage der Religion, ob wir in Zeiten der Digitalisierung eine Platte hören oder aber eine CD, der Klang ist schon anders.“ Interessanterweise beobachtet Meyer in seinem A&O-Store, dass viele junge Menschen vor den Plattenständern stehen. „Vinyl bedeutet, dass die Leute sich Zeit nehmen.“ Und dann erinnert sich der gebürtige Düsseldorfer an früher: Im Wohnzimmer gab es eine Musiktruhe aus dunkelrotem Kirschholz. Weihnachtsplatten wurden abgespielt, Schlager von Udo Jürgens, „Karamba Karacho“ von Heino. „Hey Tonight“ von Creedence Clearwater Revival war sein erster Lieblingssong. „In der Schule habe ich das gesamte Geld in Platten umgesetzt, ab dem 13. Lebensjahr war ich auf Flohmärkten unterwegs.“ 4000 LPs hat er heute in seiner Wohnung, 10.000 CDs, etwas Chaos in seiner privaten Plattensammlung, „aber auch nur, weil ich nie was weggegeben habe“. Die Band Led Zeppelin ist sein unangefochtener All-Time-Favorit, „Good Vibrations“ von den Beach Boys und David Bowies „Sound and Vision“ zwei seiner persönlichen Kultsongs. „Ich spiele kein Instrument, für Noten bin ich so unbegabt wie für die die lateinische Grammatik“, sagt Meyer. „Aber ich habe ein sehr gutes musikalisches Gehör, ein extrem gutes Gedächtnis.“ Seelenbalsam sei es, gute Musik zu hören, sich ihr hinzugeben. Glücklich ist er auch über das „starke Düsseldorf“, das auch in seinem Kulturkaufhaus repräsentiert wird. „Die elektronische Musik hat starke Wurzeln in dieser Stadt“, er nennt Bands wie Neu!, La Düsseldorf, natürlich Kraftwerk. Beim Punk und Namen wie Male, Mittagspause, den Hosen, den Krupps oder Fehlfarben gerät er ins Schwärmen. „Mit Kreidler und Die wilde Jagd gibt es jetzt die neue elektronische Musik. Davon wird bei der Feier sicher auch eine Menge zu hören sein.“  Brigitte Pavetic

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