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Düsseldorf: Bettina Flörchinger von der Punkerin zur Gynäkologin

Porträt : Von der Punkerin zur Gynäkologin

Gerade hat der Szenefotograf Richard Gleim seinen neuen Fotoband „Geschichte wird gemacht“ mit unzähligen Bildern aus der ehemaligen Düsseldorfer Punkszene vorgestellt, darunter auch Aufnahmen der einstigen Frauenband „Östro 430“. Keyboarderin war Bettina Flörchinger, die heute als Gynäkologin arbeitet.

Die Augen sind schwarz umrandet, die roten kurzen Haare stehen zerzaust vom Kopf ab, und sie brüllt sie heraus, ihre Wut, ihren Frust über einfallslosen Sex, Spießigkeit, überholte Weltansichten: Martina Weith ist Sängerin und Saxophonistin der Frauen-Punkband „Östro 430“, die puristische schwarz-weiße Videoaufnahme zu „Sexueller Notstand“ stammt aus den frühen 1980er Jahren und zeigt neben der charismatischen Frontfrau die drei anderen Musikerinnen, darunter Bettina Flörchinger am Keyboard.

 Lange ist es her: Bettina Flörchinger (r.) spielt hier mit ihren Bandkolleginnen von Östro 430.
Lange ist es her: Bettina Flörchinger (r.) spielt hier mit ihren Bandkolleginnen von Östro 430. Foto: Richard Gleim

Heute, knapp 35 Jahre später, bei einem Treffen im „Goldenen Einhorn“ an der Ratinger Straße, ist die Punkerin von einst direkt wiederzuerkennen. Allerdings: der zornig-trotzige Ausdruck von einst ist einem fröhlichen und entspannten Lächeln gewichen. „Wehmut hab ich gar nicht, wenn ich an die Zeiten zurückdenke“, erklärt Flörchinger, „es war eine tolle Zeit, wir wollten Spaß haben, und das hatten wir“. Es war Ende 1979, als vier junge Studentinnen „Östro 430“ gründeten und damit den Puls der Zeit auf ihrem Kiez Ratinger Straße trafen. Bereits wenige Monate später wurden sie von den Fehlfarben entdeckt und durften die Musiker als Vorgruppe auf ihrer Deutschlandtour begleiten. „Sexueller Notstand“, „Zu cool für dich“, „Ich halt mich da raus“ vermitteln klare, selbstbewusste Botschaften junger, kluger Frauen, die wissen, was sie wollen und vor allem, was sie nicht wollen. „Wir waren absolut identisch, wir waren die einzige Frauenpunkband in Düsseldorf, man hat uns in der Szene ernst genommen.“ Der soeben erschienene Fotoband „Geschichte wird gemacht“ von Szenefotograf Richard Gleim zeigt nicht nur Bildaufnahmen, die beiliegende CD mit Originalaufnahmen enthält auch Stücke von „Östro 430“. Heute leben die ehemaligen Mitglieder weit auseinander, der Kontakt ist eher spärlich, einzig zu Sängerin Martina Weith, mittlerweile in Hamburg, hat Flörchinger Kontakt. Als Gynäkologin hat sie lange eine Praxis an der Graf-Adolf-Straße geführt, mittlerweile hilft sie dort tageweise aus. „Es ist ein Job, der mich sehr erfüllt hat, vor allem auch die Geburtshilfe“, erklärt die Ärztin, die mit ihrem Mann Thomas Muth (seit 25 Jahre verheiratet) unter anderem ihre große Leidenschaft für das Tauchen teilt. Seit vielen Jahren arbeitet die Düsseldorferin auch als Tauch- und Reisemedizinerin, hat ihr Wissen und Können schon in mehrmonatigen Auslandsaufenthalten eingebracht. Aktiv Musik macht Bettina Flörchinger längst nicht mehr, sie habe zwar noch ein Klavier in der Ecke, das sei es aber schon. Kontakte zur ehemaligen Punkszene sind rar geworden, allerdings gab es erst letztens ein großes Wiedersehen mit vielen alten Wegefährten. „Da wurde im Zakk groß gefeiert, und da war ein großer Teil vor Ort, auch die Hosen, enger Kontakt besteht zwar nicht, aber man kennt sich, und wir hatten alle mal wieder so richtig Spaß.“

Danni Funke