Hanns Hatt : Der Duft von Weihnachten

Hanns Hatt, Professor für Zellphysiologie an der Universität Bochum und Präsident der nordrhein-westfälischen Akademie der Wissenschaften in Düsseldorf, ist einer der renommiertesten Geruchsexperten. Wenn er an Weihnachten denkt, dann erinnert er sich an das elterliche Wohnzimmer in Bayern - heimelig mit Kachelofen und voll mit dem Duft von Kerzenwachs, frisch geschlagenem Tannenbaum, Orangen und Mandarinen.

Warum riechen wir so gerne Weihnachten?

Hanns Hatt Weihnachtsdüfte sind Vorfreude-Düfte. Auf Düfte reagiert niemand neutral. Ihre Bewertung ist anerzogen, durch persönliche Erfahrungen geprägt und kulturbedingt (in Afrika oder Amerika riecht Weihnachten anders als bei uns). Wenn Eltern mit ihrem Kind über einen Weihnachtsmarkt gehen und den Geruch aus Glühwein- und Weihnachtsgebäckständen kommentieren mit "Das riecht aber gut", dann ist diese Geruchssituation positiv besetzt. Der Geruchsinn ist der Weg ins Herz - ohne Umweg. Düfte sind Erinnerungen, pure Emotionen, und Weihnachten gehört ganz besonders dazu.

Hat jeder, der an Weihnachten denkt, den gleichen Duft in der Nase?

Hatt Nein. Jeder Mensch verbindet jeden Duft mit bestimmten Bildern und Empfindungen, die er beim erstmaligen Riechen hatte und zu jedem Duft werden entsprechende Gefühle abgespeichert.

Wie funktioniert Riechen?

Hatt In der obersten Etage unserer Nase sitzen die 30 Millionen Riechzellen, die spezifisch auf die unterschiedlichen Gerüche ausgerichtet sind. Wir haben rund 350 verschiedene Riechrezeptoren in der Nase. Jeder ist für einen Duft zuständig - einer für Vanille, ein anderer für Moschus. Die Sensoren funktionieren wie ein Alphabet, mit dem Duftwörter geschrieben werden, von ganz einfachen wie dem Vanillin bis zu komplexen wie dem Glühweingewürz, das aus vielen Molekülen besteht. Eines der ersten Duftwörter, der Muttermilchduft, bereitet uns dabei schon auf Weihnachten vor - denn Muttermilch enthält Vanillin. Und daran erinnert sich intuitiv auch der Erwachsene. Denn Düfte gehören zu unseren längsten Erinnerungen und sind stabile Abspeicherungen. Sie sind so stabil, dass Menschen mit Demenz oder Alzheimer über Düfte noch erreicht werden können, wenn Sprache nicht mehr funktioniert.

Sie werben für bewussteres Riechen im Alltag. Kann man das trainieren?

Hatt Ja, ganz klar! Wir sind sehr aufs Sehen und Hören fixiert. Dabei arbeitet die Nase 24 Stunden am Tag das ganze Leben lang. Ich selber zum Beispiel kann von Natur aus nicht besser riechen als andere, denn jeder hat die gleiche Ausgangslage. Aber ich habe mir angewöhnt, mich in neuen Räumen, in neuen Umgebungen nicht nur umzusehen, sondern auch "umzuriechen". Es gibt keine geruchsfreien Räume - man muss den Duft nur bewusst wahrnehmen. Ich versuche auch, den Geruch von Menschen zu erhaschen, die an mir vorbeigehen. Wer mit "offener Nase" durch den Alltag geht, dem eröffnen sich neue Welten und viele neue Eindrücke - das ist auf jeden Fall spannend.

Sie sagen: Riechen ist besser als Sudoku, warum?

Hatt Wer dreimal am Tag fünf Minuten Riechtraining macht und dabei auch Emotionen zulässt, hält sich damit jung. Das ist wie Gehirnjogging. Beim Riechen werden außerdem im Gegensatz zum Kreuzworträtseln viele Areale im Gehirn aktiviert, das hat einen Anti-Aging-Effekt auf die Gehirnzellen.

DIE FRAGEN STELLTE DAGMAR HAAS- PILWAT

(RP)