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Der Düsseldorfer Strafverteidiger Robin Kinzler spricht über das Positive in der Krise

Düsseldorfer Strafverteidiger: Robin Kinzler sieht das Positive in der Krise : „Es wird immer weitergehen“

Der Düsseldorfer Strafverteidiger Robin Kinzler vermisst die Jonges, sucht aber auch das Positive in der Krise. Wenn wir es schaffen, Beteiligte, die ansonsten nicht miteinander sprechen, an einen Tisch zu bekommen.

Es war in dieser Woche ein leicht sonniger und gleichzeitig kalter Dienstagmorgen, als ich in meiner auf Strafrecht spezialisierten Kanzlei am Hermannplatz in Flingern saß und über das Leben sinnierte – besonders über das Leben in der Corona-Krise. Der Dienstag ist für mich immer ein besonderer Tag, an dem mich der Lockdown auch persönlich trifft.

Denn abends an diesem Wochentag finden normalerweise immer die Heimatabende der Düsseldorfer Jonges im Henkel-Saal im Schlösser Quartier Bohème in der Altstadt statt – mit rund 500 Personen. Und normalerweise besuche ich die auch jede Woche.

Ich kann natürlich verstehen, dass – insbesondere bei der Altersstruktur der Mitglieder – ein normales Treffen derzeit nicht angesetzt werden sollte. Ich kann allerdings viele der einzelnen Regeln in ihrer Widersprüchlichkeit nicht nachvollziehen. Als Strafverteidiger ist die Kontrolle und das kritische Hinterfragen staatlicher Sanktionen und Eingriffe mein tägliches Brot. Insofern frage ich mich häufig, ob es nicht mildere Mittel zur Eindämmung der Infektion geben könnte.

So war es im ersten Lockdown im März so, dass bis auf unaufschiebbare Hafttermine nahezu alle Hauptverhandlungen am Gericht abgesagt wurden. In der jetzigen Zeit wird fast nichts abgesagt, man hat ja jetzt Plexiglasscheiben. Warum dies im Gerichtssaal bei oft stundenlangen Verhandlungen helfen soll, in der Gastronomie aber nicht, ist mir nicht ganz erklärlich.

Der Arbeitsalltag des Juristen hat sich nur wenig verändert, insbesondere die Mandanten spüren aber die Einschränkungen.

Die Familien der Inhaftierten bekommen derzeit schwierig oder gar keine Besuchstermine mehr im Gefängnis. Was dies in einer solchen Ausnahmesituation in Bezug auf die Resozialisierung bedeutet, dürfte allen klar sein. Vielleicht bietet sich hier ja die Möglichkeit, Telefonate und Videochats in Zukunft zu ermöglichen.

Für die Anwaltschaft bedeutet die Pandemie auch eine neue rechtliche Herausforderung: Ich habe in den vergangenen Monaten bereits einige Gastronomen und Einzelhändler vertreten, die Probleme mit dem Ordnungsamt bekommen haben. Das größte Problem sehe ich hier in mangelnden Erklärungen und der Bereitschaft zur offenen Kommunikation zwischen den Beteiligten.

Wenn jegliche Kritik an den beschlossenen Maßnahmen in einer skurrilen oder rechten Ecke verortet wird, steigt die Unsicherheit und Unzufriedenheit in der Bevölkerung, die derzeit auch keinen wirklichen Ausgleich in Freizeit und Kultur zu finden vermag.

Als Rheinländer und im Sternzeichen Schütze geborener Optimist – es wird immer weitergehen! – sehe ich aber in vielerlei Hinsicht auch eine Chance in der derzeitigen Situation. Die haben wir genau dann, wenn wir es schaffen, Beteiligte, die ansonsten nicht miteinander sprechen, an einen Tisch zu bekommen. In dem Moment haben wir einen wichtigen Schritt gegen eine Spaltung der Gesellschaft und die Entfremdung der Bürger von der Politik getan.

Das Protokoll fasste Brigitte Pavetic zusammen.

(bpa)