Vortrag: Charly Graf erzählt aus seinem bewegten Leben

Vortrag : Charly Graf erzählt aus seinem bewegten Leben

Es ist bald 30 Jahre her, dass Charly Graf (63) als Box-Profi Deutscher Meister war. Aber wenn er in ärmelloser Kluft, mächtigen braunen Oberarmen und den Händen in den Taschen Geschichten aus seinem Leben erzählt, dann strahlt er immer noch diese kämpferische Kraft aus.

Es ist bald 30 Jahre her, dass Charly Graf (63) als Box-Profi Deutscher Meister war. Aber wenn er in ärmelloser Kluft, mächtigen braunen Oberarmen und den Händen in den Taschen Geschichten aus seinem Leben erzählt, dann strahlt er immer noch diese kämpferische Kraft aus.

Als Beispiel, wie man sich aus widrigsten Verhältnissen seinen Platz in der Gesellschaft erobern kann, hatte ihn Walter Scheffler vom Café Grenzenlos eingeladen, zusammen mit seinem letzten Gegner Thomas Classen. Die Einrichtung an der Kronprinzenstraße bietet sozial benachteiligten Menschen an, am kulturellen Leben teilzunehmen und günstig dort zu essen. Als Einstimmung auf den Besuch schauten sich die Besucher den preisgekrönten Dokumentarfilm "Ein deutscher Boxer" über ihn an.

Darin kommt auch der RAF-Terrorist Peter-Jürgen Book zu Wort, mit dem sich Graf in der JVA Stammheim angefreundet hatte. "Er hat mir Literatur nahe gebracht, ich habe ihn sportlich trainiert", sagt Graf. Book wiederum sagt über ihn im Film: "Charly hat das Maximum erreicht, was man aus der eigenen Biografie als Lernprozess machen kann. Hut ab!"

Mit zehn Jahren Gefängnis habe er zwar einen hohen Preis für seinen wechselhaften Lebensweg bezahlt, sagt Graf. "Aber die Isolation in der Zelle hat mir auch geholfen, mich zu konzentrieren. Das Lesen hat mir gut getan." Seiner Wortwahl merkt man die intensive Lektüre und den Austausch darüber an. Mit Book hat er über Dostojewski und Heinrich Böll diskutiert, die Bücher gab es in der Gefängnis-Bibliothek. Die Lust am Geschichtenerzählen hat er auch selbst. Gespannt lauschen die Zuhörer, wenn er berichtet, wie er als Fünfjähriger nachts seine Mutter suchte, die sich auf die Gleise legen wollte. Zu Hause angekommen, fand er sie dort betrunken und schlafend. "Ihr Schnarchen klang in meinen Ohren wie eine Arie, so glücklich war ich, dass sie lebte." Heute betreut er auffällige Jugendliche und weiß um seine Grenzen. Wenn es ihm gelingt, einen schwer traumatisierten Jugendlichen, der gewalttätig wurde, zum Lachen zu bringen, sagt er, " dann ist das ein Riesending".

(stz)