Stadtteil-Serie: Oberbilk: Wo die ganze Welt zu Hause ist

Stadtteil-Serie: Oberbilk : Wo die ganze Welt zu Hause ist

"Wenigstens wohnen Sie nicht in Lierenfeld" - nett gemeinter O-Ton eines Oberkasseler Taxifahrers, der einen Oberbilker abends nach Hause bringt. Der denkt sich, leider wieder mal zu spät, dass er dem mittelalten Herrn, der ihn am Belsenplatz aufgenommen und stolz bekundet hat, selbst ein Linksrheinischer zu sein, hätte antworten sollen, dass Oberbilk doch gerade für seine Zunft ein guter Ort ist. Schließlich hat seit ehedem die Zentrale der Taxigenossenschaft hier ihren Sitz und ein Großteil der Droschkenunternehmer ebenfalls.

Man hätte dem Mann noch ganz andere Dinge sagen können. Dass Oberbilk ein Stadtteil ist, den die Industrialisierung nach oben und die folgende Technisierung nach unten gebracht hat, ganz ohne, dass er etwas dafür kann. Dass er einer der ältesten Düsseldorfs ist, als Arenbilk schon 1384 bekannt, damals noch ein Ort der Landwirtschaft. Aber letzteres ist heute wohl für keinen vorstellbar.

Sprachkenntnisse sind in Oberbilk ein echter Wettbewerbsvorteil. Foto: Werner Gabriel

Das Viertel hinter dem Bahnhof ist noch in jeder Großstadt verrufen. So geht's auch Oberbilk. Dabei ist es schon lange da gewesen, bevor es den Bahnhof gab. Und auch den gibt es bloß, weil die Köln-Mindener-Bahngesellschaft ihre Schienen durch diesen Stadtteil legte, und zwar genau da, wo heute die Straßen diese Namen tragen: Kölner und Mindener. Irgendwann sollen das die Oberbilker Kinder wieder lernen: Am Oberbilker Markt, wo Mindener und Kölner Straße sich treffen und die Eisenstraße beginnt, soll ein Spielplatz entstehen, mit Spielgerät im Lokomotiven-Look. Ob es auch eine Erinnerungstafel gibt, darüber streiten anno 2010 nicht die Gelehrten, wohl aber die Bezirkspolitiker, die alles tun würden, um das schlechte Image Oberbilks zu bessern.

Marokkanische Lebensart prägt das Viertel rund um die Apollinarisstraße. Foto: Werner Gabriel

Sein Image hat Oberbilk wahrlich nicht verdient. Rühmt sich die Kö der Internationalität, wenn vollverschleierte Damen mit Gucci-Täschchen Sportwagen mit saudischen Kennzeichen entsteigen, um Shoppen zu gehen, rümpft sich das Düsseldorfer Näschen, wenn Frauen in Burkas an der Kölner Straße bei Edeka an der Kasse stehen. "Multikulti" sagt man dann leicht verächtlich über das, worüber in der City "Weltstadt" gejauchzt wird,

Das Publikum verändert sich: Seit das Justizzentrum da ist, sind Anzug und Krawatte auf dem Oberbilker Markt nicht mehr die Ausnahme. Foto: Busskamp
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Das Multinationale in Oberbilk ist zur Fußball-WM wieder deutlich geworden. Da hatte jeden Tag jemand Grund für einen Autokorso. Kein Wunder: 147 Nationalitäten sind im Stadtteil vertreten - die UN kennt auch bloß 194.

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Das große Haus der ausländischen Kulturvereine war bis vor einigen Jahren das Auxilium. Doch das musste dem Neubau der Justiz weichen, von dem sich alle in Oberbilk den Aufschwung versprachen. Mancher hat gelästert, als das Amts- und Landgericht ausgerechnet an Oberbilks Mittelpunkt, dem Markt, seinen Sitz bezog. Die Angeklagten hätten es dann nicht so weit, spottete man da, wo Hartz IV mit Kriminalität gleichgesetzt wird.

Anklicken zum Vergrößern. Foto: Grafik: Jenny Möllmann

Dabei ist Oberbilk keineswegs eine Hochburg des Verbrechens. Es ist bloß ein Stadtteil, der als Arbeiterviertel prosperierte - und noch heute daran zu knabbern hat, dass die Industriestandorte in den 1970er und -80er Jahren verschwanden. Man muss sich das mal vorstellen: Drei Kinos, 20 Kneipen, eine Hausbrauerei und gut 100 Läden - das war die Kölner Straße in den Goldenen 1920ern. 70 Jahre später wurde die Lebensader des Stadtteils für den U-Bahn-Bau aufgeschnitten. Erst jetzt, in den 2000ern beginnt Oberbilk sich davon zu erholen.

Es ist noch gar nicht lange her, da drohte der Stadtteil zu verwahrlosen. Industriebrachen wurden zu Wohnstätten für allerhand zwielichtige Elemente. Die offene Drogenszene vom Hauptbahnhof drängte auf die Wiese dahinter, die den drastischen Spitznamen "Wiese des Grauens" trug. Dem haben Stadt und Polizei mit vereinten Kräften Einhalt geboten.

In den 1990ern erkannte man auch in NRW Oberbilks "besonderen Entwicklungsbedarf" an. Drum war der Stadtteil in ein Förderprogramm aufgenommen worden, das Geld für ein Stadtteilbüro brachte. Das hat ein wahres Füllhorn von Ideen zusammengebracht und bei vielen Projekten darauf geachtet, dass auch die Investoren die Bedürfnisse des Stadtteils berücksichtigen. So entstand etwa der Sonnenpark, wo einst die städtische Abfallentsorgung ihren Betriebshof hatte. Mehrere hundert Wohnungen wurden da gebaut, mitten im Grünen, mitten in Oberbilk.

Im Stadtteilbüro ist inzwischen ein Handy-Laden. Jetzt liegt es wieder bei den Oberbilkern selbst, Impulse für ihr Quartier zu geben: Der Bürgerverein und die Schützen sind da ziemlich aktiv und auch die Kirchen, die alle gut vernetzt sind, wie sich bei der Kirmes und dem jährlichen Fest der Kölner Straße zeigt. Ein homogener Stadtteil ist Oberbilk aber dennoch nicht. Da gibt es die jungen Berufstätigen, die günstige Mieten und zentrale Lage locken, und die am Leben im Viertel wenig Interesse haben, es gibt viele Zuwanderer, die lieber unter sich bleiben und natürlich die alten Oberbilker, die Höhen und Tiefen mit ihrem Quartier erlebten.

Von Wir-Gefühl ist nicht viel zu spüren. Aber es wird niemand ausgegrenzt. Wer offen ist für Anderes, kann in Oberbilk zu vielem Zugang finden. Spannend und vor allem eine kulinarische Bereicherung ist das marokkanische Viertel, das mit der Ellerstraße in den Stadtteil wächst.Wer den Weg in die Kirche der Russisch-Orthodoxen Gemeinde findet, die nur einige 100 Meter weiter liegt, wird begeistert sein von der Pracht. Der nächste Schritt in Oberbilks Zukunft ist gemacht. Schon sollen Immobilien in der Gerichts-Nähe gefragt sein. Jetzt muss der Stadtteil lernen, dass seine Vielfalt kein Makel ist, sondern ein Pfund, mit dem sich wuchern lässt.

(RP)
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