Düsseldorfer Geschichten: Kampf um die ländliche Idylle am Aaper Wald

Düsseldorfer Geschichten : Kampf um die ländliche Idylle am Aaper Wald

Der Bundeswehrübungsplatz am Aaper Wald hat viele zivile Gesichter, ist Abenteuerspielplatz für Kinder, Trainingsstrecke für Jogger, eine typisch bergische Landschaft, Zentrum für Segelflieger, bietet Raum für einen traditionellen Bauernhof mit Schafherden. Deshalb wehren sich Bürger gegen einen Verkauf. Sie fürchten, dass ein neuer Eigner Wege sperrt.

Purzel streckt gierig seine Zunge nach der Milchflasche aus. Das Lamm mit dem weißen Wuschelfell hat offensichtlich auf die Mittagsmahlzeit gewartet, die ihm Celine Görsmeyer gerade bringt. Die Tochter von Bauer Albert Görsmeyer hat wie selbstverständlich die Pflege übernommen, als das Mutterschaf das Neugeborene nach dem Lammen nicht annehmen wollte. Celine hat das Lamm damals sofort in ihr Herz geschlossen, genauso wie ihre jüngere Schwester Jennifer. Denn das hilflose Neugeborene war sehr niedlich. Kein Wunder, dass Celine es Purzel nannte. D

ie Liebe zu den Tieren gehört zum Leben auf Gut Grütersaap auf dem Standortübungsplatz. "Ich hatte schon als Junge Spaß an allen möglichen Tieren und kümmerte mich um sie", erzählt Bauer Albert Görsmeyer, der in dritter Generation den Hof führt. Seine Vorliebe lockt viele Familien mit Kindern zum Gut Grütersaap, weil sie dort Hühner und Hunde beobachten können, die frei über den Hof laufen, oder Schafe, Ziegen und Ponys streicheln, die von den weitläufigen Wiesen an den Zaun kommen. "Die Familien sprechen häufig von einem Streichelzoo", berichtet Görsmeyer. Er selbst sieht den Hof, die Ställe eher als Beispiel für einen traditionellen Bauernhof, den die Städter gerne erleben. Ebenso wie die Schafherden, die auf den weiten Wiesen weiden und das Gras kurz halten. "Wenn die Tiere nicht regelmäßig auf der Weide wären, würden jetzt hier Bäume und Büsche wachsen", erklärt Görsmeyer.

Bürger-Initiative kämpft für offene Wege

Aber diese landwirtschaftliche Idylle ist in Gefahr. Da der Standortübungsplatz nicht mehr benötigt wird, hat die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) als Vermögensverwalterin des Bundes das 202 Hektar große Gelände in einem Bieterverfahren im Sommer vergangenen Jahres zum Verkauf angeboten. Das könnte den Verlust des schönen Landschaftsschutzgebietes für die Düsseldorfer bedeuten. Denn "ein Investor könnte die Wege auf dem Areal sperren, wenn er beispielsweise eine Pferdezucht betreibt", erklärt Wolfgang Gruß. Der Bewohner des angrenzenden Düsseldorfer Ortsteils Knittkuhl ist Sprecher einer Bürger-Initiative, die sich für einen offenen Aaper Wald einsetzt. "Die Hauptwege im Aaper Wald bleiben zwar offen, aber die wichtigen Wegeverbindungen für Spaziergänger und Jogger könnten so unterbrochen werden", so Gruß.

Deshalb sammelt die Bürger-Initiative Unterschriften für ein Bürgerbegehren mit dem Ziel, dass die Stadt das Gelände kauft und als Erholungsgelände mit seinen vielfältigen Möglichkeiten sichert. Der Landschaftsschutz allein reicht nicht aus, ein Sperren der Gebiete zu verhindern, weiß Gruß. Die Stadt hat inzwischen die Sorgen der Bürger ernst genommen und beschlossen, einen Bebauungsplan für das Areal aufzustellen. Das Ziel: Festschreiben der Wegerechte und der Nutzung der Wiesen und Weiden. Zudem bereitet die Stadtverwaltung eine Veränderungssperre für das Gebiet vor, die in Kraft gesetzt werden soll, wenn das Gelände an einen Privat-Investor verkauft werden sollte.

Die Verhandlungen ziehen sich hin, man sei für Gespräche offen, heißt es bei der Bima. Viele Anzeichen sprachen dafür, dass ein Privatinvestor die geforderten 12,6 Millionen Euro für das Areal zahlen wollte, das Finanzierungskonzept aber nicht tragfähig vor. Jedenfalls hatte die Bima noch vor wenigen Wochen von einem bevorstehenden Verkauf gesprochen. Jetzt jedoch ist von neuen Verhandlungen auch mit der Stadt die Rede, aber über das Vorgehen herrscht Stillschweigen.

Umso mehr ein Ansporn für die Bürger-Initiative Aaper Wald, weiter Unterschriften für ein Bürgerbegehren zu sammeln. Mehr als 17 000 sind inzwischen zusammengekommen. "Uns unterstützen nicht nur die Bewohner der Siedlung rund um den Standortübungsplatz, sondern alle Düsseldorfer", berichtet Gruß. So sammelt die Interessengemeinschaft Gerresheimer Verein (IGV) ebenfalls Unterschriften. Die Aktionsgemeinschaft Düsseldorfer Heimatvereine (AGD) hat ihren knapp 60 Mitgliedsvereinen empfohlen, die Initiative zu unterstützen. Laufgruppen haben spontan Solidaritäts-Aktionen gestartet, um Unterschriften zu bekommen.

Denn viele Düsseldorfer sind mit dem Standortübungsplatz verbunden, haben ihn auf Wanderungen, beim Segelfliegen oder im Winter beim Rodeln erlebt. Und nicht zuletzt haben etliche Düsseldorfer dort die Grundausbildung bei der Bundeswehr absolviert.

"Als ich nach der Schule eingezogen wurde, hatte ich das Glück, einen Platz in der Ausbildungskompanie des Fernmelde-Bataillons zu bekommen", erzählt Günther Pannenbecker, Busunternehmer und Oberst im St. Sebastianus Schützenverein Düsseldorf 1316. Für den gebürtigen Düsseldorfer die große Chance, als Heimschläfer jeden Abend nach Hause gehen zu können. Das entsprach auch seinem Wunsch. Von den Übungen im Gelände hat er nicht viel mitbekommen, weil er nach kurzer Zeit auf die Schreibstube kam und nur noch Innendienst machte. "Ich musste einen Marsch mitmachen und eine Übung", erinnert er sich.

Der Standort am Aaper Wald gefiel Pannenbecker wegen der wunderschönen Landschaft. Er kannte sie bereits seit seiner Kindheit, weil der begeisterte Reiter in seiner Jugend von einem Hof in der Nähe ausgeritten war. Seinem Reit-Hobby konnte Pannenbecker während der Bundeswehrzeit sehr leicht nachgehen. "Ich hatte mein Pferd Am Bauenhaus in der Nähe stehen und nach Dienstschluss war ich schnell dort", erzählt er. Die Reitausstattung hatte er im Spind neben der Uniform hängen. "Nach Dienstschluss habe ich mich umgezogen und bin zum Stall gefahren", sagt Pannenbecker.

So wie er nutzten viele Rekruten den heimatnahen Standort. Vor allem "für Sportler der Fortuna und der DEG war es günstig, in Düsseldorf ausgebildet zu werden", berichtet Oberstleutnant a.D. Siegfried Hautow, der viele Jahre lang die Ausbildungskompanie leitete. Die Sportler konnten am Training ihrer Vereine und an Spielen teilnehmen, die Bundeswehr machte es möglich. "Mit dem DEG-Trainer Xaver Unsinn hatte ich ein enges, freundschaftliches Verhältnis, wir konnten einiges für die Eishockeyspieler tun. Und viele namhafte Fortunaspieler, beispielsweise Reiner Geye, waren in den 1960er und 1970er Jahren dort stationiert, erinnert sich Hautow. Durch solche Verbindungen mit Düsseldorfern wuchs in der Stadt langsam das Bewusstsein, dass Düsseldorf als Bundeswehrstandort eine Rolle spielte. Treffen und gemeinsame Aktionen taten das Übrige dazu. Pannenbecker organisierte beispielsweise beim Heimatverein Düsseldorfer Jonges einen Abend, bei dem Soldaten bei den Tischgemeinschaften saßen. Und er verlegte das traditionelle Ringstechen der Schützen-Reitercorps in Abstimmung mit der Bundeswehr auf den Übungsplatz.

Poloplatz für britische Offiziere

Das passte zur Tradition des Platzes. Denn der 1936 von der Wehrmacht mit der Eröffnung der Bergischen Kaserne an der Bergischen Landstraße in Betrieb genommene Übungsplatz wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von britischen Truppen genutzt. "Deren Offiziere spielten auf der heutigen Segelflugwiese Polo", sagt Hautow, der als Chef der Ausbildungskompanie für den Platz ab 1967 mit verantwortlich war. In jenem Jahr wurde ein Fernmelde-Bataillon von Clausthal-Zellerfeld nach Düsseldorf in die Bergische Kaserne verlegt, in der ab 1965 bereits eine Feldjäger-Einheit stationiert war. Jetzt steht die Kaserne kurz vor der Schließung, nachdem 2008 das Fernmeldebataillon verlegt wurde. Nur noch Soldaten des Heeresmusikkorps aus Hilden sind dort untergebracht, bis die Kaserne in Hilden saniert worden ist. Dann wird die Bergische Kaserne geschlossen. Der Standortübungsplatz ist deshalb überflüssig geworden, und der Bund will die Immobilie gewinnbringend verkaufen.

Dass die Bundeswehr dort nicht mehr übt, fällt den Spaziergängern kaum auf. Denn der Standortübungsplatz war nie hermetisch abgeriegelt, war auch nie Schauplatz großer Gefechtsübungen. "Die Rekruten absolvierten dort die allgemeine Grundausbildung", berichtet Hautow. Dazu gehörten das Bewegen der Soldaten im Gelände mit dem so genannten Robben, das Ausheben von Schießständen, Beobachtungen von Truppen, Übungen "Hören und Sehen bei Nacht". "Außerdem bauten die Fernmeldetrupps ihre Richtfunkantennen auf, um den Funkverkehr zu üben", sagt Hautow. Und an den steilen Hängen erprobten Bundeswehr-Fahrschüler das Fahren im Gelände. "1972 wurde dann ein ausgedienter Panzer im Gelände aufgestellt, damit das Schießen mit der Panzerfaust geübt werden konnte", sagt Hautow und betont zugleich, dass auf dem Übungsplatz nie scharf geschossen wurde, sondern immer nur mit ungefährlicher Übungsmunition.

Waren die Soldaten im Gelände, wurden die Schranken an den Zufahrtswegen geschlossen. Zudem warnten Hinweisschilder die Spaziergänger. Waren die Schranken geöffnet, eroberten Kinder und Familien die Wiesen für erlebnisreiches Spielen. "Wir veranstalteten für die Kinder Schnitzeljagden, spielten natürlich Fußball, ließen Drachen steigen", erinnert sich Elke Berning, die vor 16 Jahren mit ihrer Familie nach Knittkuhl gezogen ist, auch der schönen Landschaft wegen. Und nachdem der Pillebach im Tal ein naturnahes Bett mit einem geschwungenen Bachlauf und Überschwemmungsteichen bekommen hatte, ließen die Kinder dort Modellboote schwimmen.

Die Renaturierung des Pillebachs zeigt den Stellenwert der Landschaft. Sie ist typisch für den Beginn des Bergischen Landes, bekommt ihren Reiz durch die Täler mit ihren steilen Hängen, die zur Höhe hinaufführen. Der Pillebach, der dort entspringt und vor allem Regenwasser ableitet, sollte nach den Vorstellungen der Landschaftsschützer mehr sein als eine Ableitung von Hochwasser, sondern sich in die Landschaft einfügen und Lebensraum für Wassertiere bieten.

Der Ausbau zeigt, dass die Weideflächen des Standortübungsplatzes landschaftlich aufgewertet können. Das könnte ein Grund für den hoch veranschlagten Verkaufspreis von 12,6 Millionen Euro sein. Denn der Wert eines landwirtschaftlichen Grundstücks steigt, wenn es bepflanzt werden kann. Für solche Aktionen gibt es so genannte Ökopunkte, die berücksichtigt werden, wenn der Eigentümer an anderer Stelle Häuser oder Straßen baut und dafür Ersatzpflanzungen braucht. Das landwirtschaftliche Grundstück ermöglicht also Investitionen an anderen Orten. Den Wert der Ökopunkte soll die Bima ermittelt haben, heißt es bei der Stadt. Sie hat aber keinen Einblick in das Gutachten.

Hervorragender Flugplatz für Segelflieger

Die Bundeswehr hatte keine Bedenken gegen eine Renaturierung des Pillebachs. Sie suchte ein gutes Miteinander mit den Erholungssuchenden, mit Gut Grütersaap und nicht zuletzt mit dem Düsseldorfer Aero-Klub, der auf der ehemaligen Polo-Wiese seine Segelflugzeuge starten und landen lässt. "Das Gelände ist einfach Klasse wegen der guten Thermik und der schönen Landschaft direkt neben der Großstadt", sagt Christina Früh, Vorsitzende des Klubs. Die Segelflieger hängen deshalb an dem Platz, auch wenn er ursprünglich nur als provisorischer Ausweichplatz für den Flughafen Düsseldorf gedacht war, wo die Segelflieger bis Ende der 1950er Jahre beheimatet waren. Nach ersten Starts in den 1950er Jahren wurde der Standortübungsplatz in den 1960er Jahre Segelflughafen, auf dem die motorlosen Gleiter mit einer Seilwinde in die Höhe gebracht werden. Durch den Aero-Klub hat Düsseldorf im Luftsport einen guten Ruf. "Wir wollen auch Gleitschirmfliegern ermöglichen, von unserem Platz am Stadtwald in die Höhe zu kommen", sagt Früh.

In der Vergangenheit hat der Aero-Klub mit besonderen Aktionen für Aufmerksamkeit gesorgt. Anwohner Wolfgang Gruß kann sich noch gut an Fallschirmspringer erinnern, die dort des Öfteren landeten, oder an die Parade von Heißluftballons, die sich auf der Wiese einmal formierte.

Die Zukunft des Segelflugplatzes ist allerdings ungewiss, weil die Bima die Pachtverträge gekündigt hat, aber noch kein Käufer in Sicht ist, mit dem der Aero-Klub über neue Verträge verhandeln kann. Das gleiche Problem hat Bauer Görsmeyer mit dem Weideland vor den Toren seines Hofes. Auch diese Verträge sind gekündigt. "Deshalb kann ich die Schafe jetzt dort nicht weiden lassen und muss sie zu anderen Plätzen, etwa den Rheinwiesen bringen", sagt Görsmeyer. Der Pflege der Wiesen tut das nicht gut, und die Spaziergänger werden die Schafe vermissen.

(RP)
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