Geprägt von Kloster und Fabrik: Gerresheim

Geprägt von Kloster und Fabrik : Gerresheim

Zwei Türme sind Wahrzeichen von Gerresheim. Der achteckige, rotweiße Vierungsturm der spätromanischen Basilika St. Margareta am Gerricusplatz steht für die Ursprünge des Ortes und die romantische, ehemals selbständige kleine Stadt.

Der nüchterne, funktionale Turm mit dem blauen G im Karree der Heye- und Morper Straße weist auf die Geschichte des südlichen Gerresheim hin, das erst mit der Gründung der Glashütte durch Ferdinand Heye groß wurde und immer ein Eigenleben hatte.

Dieses Kapitel der Industriegeschichte endete 2005 mit der Schließung der Glashütte. Jetzt steht mit der Umwandlung des Areals in ein Wohngebiet ein Strukturwandel an.

Einen ähnlichen Wandel hat der alte Ortskern von Gerresheim bereits in den 1980er Jahren vollzogen, als die Straßenbahn aus den engen Straßen Neusser Tor und Kölner Tor herausgezogen, die Fußgängerzone eingerichtet und die moderne Ringbebauung hochgezogen wurde. "Gegen die Fußgängerzone am Neusser Tor haben sich viele ausgesprochen, weil sie eine Verödung befürchteten. Heute ist sie beliebt und sehr belebt", sagt Ute Schulz, die dort ein Hörgeräte-Fachgeschäft betreibt. Der Markt, die Terrassen mit den Tischen der Restaurants an den Straßen seien für Besucher attraktiv.

Dass sich Veränderungen nur langsam durchsetzen, ist für Harald Posny vom Bürger- und Heimatverein typisch. "Der Gerresheimer ist beharrend, hält gerne am Gewohnten fest", sagt er. Das gelte aktuell für die geplante Umgestaltung der Benderstraße: "Sie muss für Fußgänger attraktiver werden und braucht breitere Gehwege, aber viele wollen nichts ändern, weil das Parken in zweiter Reihe so bequem ist."

Der Gerresheimer zeige sich aber auch beharrlich, wenn er etwas durchsetzen wolle. Die Bürgerbeteiligung beim Planungsverfahren für das ehemalige Glashüttengelände sei ein jüngeres Beispiel. Wenn die Politik jedoch auf Wünsche nicht eingehe, dann werde der Gerresheimer selbst aktiv. "Deshalb gibt es viele Vereine, die sich für die Bürger und für den Stadtteil einsetzen", sagt Posny.

Das Spektrum der Vereine ist groß. Nicht nur traditionelle Organisationen wie die Schützenbruderschaft oder die Karnevalsgesellschaft Gerresheimer Bürgerwehr oder Sportvereine gibt es, sondern spezielle Vereine für Aufgabenbereiche wie Geschichte und Stadtplanung, Kultur, Industriegeschichte oder soziale Belange. Dafür steht unter anderem die Bürgerhilfe, die durch Spenden etwa 20 000 Euro jährlich hereinbekommt und sie für soziale Zwecke weitergibt. Mit einem Fest samt Trödelmarkt und Radschlägerturnier macht sie im September auf sich aufmerksam.

Vorbild für ähnliche Initiativen in anderen Stadtteilen ist das Netzwerk, ein lockerer Zusammenschluss von Senioren, die sich wöchentlich zum Frühstück treffen, Nachbarschaftshilfe und gemeinsame Unternehmungen planen. Weil Gemeinsamkeit stärkt, gehören die meisten Vereine einer Interessengemeinschaft Gerresheimer vereine (IGV) an. "Wenn wir uns zusammen für etwas einsetzen, hat das mehr Gewicht", sagt Vorsitzender Detlev Becker. So wurde beispielsweise eine schnelle Sanierung von Bolzplätzen erreicht. Die IGV ist aber auch eine Klammer zwischen Organisationen aus dem südlichen und nördlichen Gerresheim, die eher nebeneinander her arbeiten. Denn in den Köpfen vieler Gerresheimer gibt es eine klare Trennung zwischen dem historischen Bereich um die Fußgängerzone samt Einkaufsstraße Benderstraße und dem südlichen, durch die Glashütte geprägten Bereich rund um die Heyestraße. "Die Bewohner des einen kommen nur selten in den anderen Teil Gerresheims", sagt Rolf Mulder, Inhaber eines Spezialgeschäftes für Haushaltwaren und Gasanlagen an der Hatzfeld-/Ecke Heyestraße.

Die Zentren Bender- und Heyestraße seien wie abgetrennt. Das ist historisch begründet. Denn rund um die Glashütte wohnten vor allem Arbeiter der Fabrik, die von weither kamen. Heye ließ die Wohnsiedlungen bauen, gab auch Zuschüsse für die evangelische Gustav-Adolf-Kirche samt Schule. Denn die zugezogenen evangelischen Arbeiter sollten sich wohl fühlen.

Es entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte ein Arbeitermilieu, das dem alten Gerresheim fremd blieb. Charakteristische Folgen sind heute angenehm zu spüren. Italiener, die als Gastarbeiter zur Glashütte kamen, wurden dort heimisch und prägen das Viertel. Die andere Lebenskultur ist gut im Bistro Terranova zu spüren, in dem sich Italiener und auch Deutsche zum Plausch bei Espresso und Cappuccino treffen. "Wir verstehen uns gut miteinander und helfen uns", beschreibt Beate de Grandi, Mitinhaberin des Bistros, den Alltag der verschiedenen Nationen. Wie viele andere fühlt sie sich wegen dieser internationalen Mischung wohl.

Mit der Schließung der Glashütte ist wieder ein Strukturwandel abzusehen. Anstelle der Fabrikhallen, die bereits weitgehend abgerissen sind, sollen vor allem Wohnviertel entstehen. Die werden sich nahtlos an das Wohngebiet Am Quellenbusch entlang der Torfbruchstraße anschließen, das zurzeit allmählich entsteht. Dieses wiederum ist eine Brücke zu einem dritten Bereich von Gerresheim, der kaum im Bewusstsein der Bürger ist: die Wohnsiedlungen rund um die Dreherstraße, die wie eine Schlafstadt wirken. Dass dort neu gebaut wird, ist für die Entwicklung Gerresheims positiv, weil die Einwohnerzahl stabil bleibt und so die Zentren der nördlichen und südlichen Ortsteile im Zeichen der traditionsreichen Türme Zukunftschancen haben.

(RP)
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