Multikulti zwischen Industrie-Brachen: Flingern-Süd: Das Erlebnis-Viertel

Multikulti zwischen Industrie-Brachen : Flingern-Süd: Das Erlebnis-Viertel

Flingern-Süd ist der Stadtteil mit den meisten großen Veranstaltungshäusern, darüber hinaus locken auch die Automeile und der "Düsselstrand" jede Menge Besucher ins Viertel. Die Probleme des Stadtteils bestehen dennoch weiter.

800 Zuschauer bejubeln ihre Lieblings-Rockband, 300 genießen die Ur-Aufführung eines modernen Balletts, gute 1000 lassen sich von Musik und Tanz eines Musicals von den Sitzen reißen - was andere Stadtteile im besten Fall einmal im Jahr erleben, ist in Flingern-Süd Alltag. Das Viertel beheimatet mit Zakk, Tanzhaus NRW und Capitol Theater gleich drei große Veranstaltungshäuser, darunter mit dem Capitol auch das größte Theater der Landeshauptstadt. Spätestens mit der Automeile und dem großen Schwimmbad "Düsselstrand" ist Flingern-Süd zu Düsseldorfs meistbesuchtem Stadtteil geworden - leider im doppelten Sinne, weil Kettwiger, Erkrather und Gerresheimer Straße sowie Höherweg es auch zu einem der Viertel mit den meisten Hauptverkehrsachsen machen.

1977, 1996 und 2001 waren die Jahre, die Flingern-Süd sein heutiges Gesicht gegeben haben. Keimzelle der Entwicklung war eine ehemalige Nagelfabrik an der Fichtenstraße, der die Gründer den für die späten Siebziger typisch sperrigen Namen "Zentrum für Aktion, Kommunikation und Kultur" verpassten, kurz: Zakk. Den Anspruch seines Namens bestätigen Geschäftsführer Jochen Molck und sein Team jeden Tag, denn das Zakk ist heute gleichermaßen Mittelpunkt für Erwerbslose, die ein Frühstück erhalten, und Senioren, die etwas über Internet lernen wollen, wie für angehende Poeten und Schriftsteller, die Kreativkurse besuchen, oder für die bekanntesten Kabarettisten und Literaten der Republik sowie Rockbands aus der ganzen Welt. Und für Musikfans aus der ganzen Welt, denn erst vor kurzem hat das Zakk ein Konzertticket nach Australien verkauft.

Die Spuren der industriellen Vergangenheit waren auch für die weiteren Schritte zum Erlebnisviertel entscheidend. Dort, wo im 19. Jahrhundert Pferde die ersten Straßenbahnen aus dem Depot zogen, entstanden 1996 das Capitol Theater und das Tanzhaus. Als die Stadtwerke ihre Verwaltung Anfang des neuen Jahrtausends in den alten und neuen Bauten am Höherweg konzentrierten, gaben sie auf der anderen Straßenseite ihr Betriebsgelände frei. Ein Konsortium von Autohändlern erweiterte es bis zur Erkrather Straße, heute bieten dort elf Marken ihre Wagen und Motorräder auf 150 000 Quadratmetern an.

Ebenso bezeichnend wie die Besuchermagneten ist leider auch deren Lage. Capitol und Tanzhaus stehen am westlichsten Zipfel von Flingern-Süd, die Automeile markiert den östlichsten Punkt, das Zakk liegt an der Südspitze. "Hier sind immer nur einzelne Punkte spannend. Zugleich ist der Stadtteil aber so verbaut und so vom Verkehr belastet, dass keine Identität entstanden ist", sagt Zakk-Chef Molck. "Wir sind im Herzen der Stadt, aber auf der falschen Seite des Hauptbahnhofs."

Flingern-Süd ist ein eingequetschtes und vom Aufschwung vergessenes Zentrum. Flingern-Nord rund um Acker-, Linden- und Hermannstraße hat sich vom Arbeiterquartier zum Liebling der Kreativen entwickelt. In Oberbilk entsteht derzeit der neue Justizkomplex und um ihn herum deutet sich bereits ein mögliches Szeneviertel an. In Flingern-Süd blieb es meist bei Versuchen und enttäuschten Hoffnungen: Auf dem Gelände schräg gegenüber des Zakk beispielsweise hatten sich viele kleine Unternehmen und Agenturen angesiedelt. Dann aber beschloss der neue Eigentümer, dort lieber neu zu bauen. Deshalb sind inzwischen alle Kreativen wieder vom Gelände verschwunden ebenso wie die alten Gebäude. Schon im Mai sollen dort Gewerbehallen und Büros eröffnet werden. "Das wird uns noch mehr Verkehr bescheren und es ist nicht zu erkennen, dass das Problem bereits erkannt oder angegangen wird", erklärt Nachbar Molck.

Ähnlich rasant und traurig endete das Kapitel Stadtwerke-Park an der Kettwiger Straße, der endlich eine Grünfläche für alle ins Viertel bringen sollte - und der dazu auch ideal angelegt ist: hohe Glaswände schirmen den Verkehr ab, zwischen den schönen alten Bäumen liegen ein kleiner Spielplatz für Kinder, eine Rampe für jugendliche Skater und ein Feld für erwachsene Volleyballspieler. Doch nach nur wenigen Tagen zerschlugen Randalierer Scheiben und beschmierten das Pförtnerhäuschen.

Für beliebtes Grün in Flingern-Süd steht angesichts der Probleme des Stadtwerke-Parks vor allem Bodo Gebel. Der Polizeioberkommissar, den die Einwohner ihren "Dorfsheriff" nennen, läuft jeden Tag in Uniform durchs Viertel. "Flingern-Süd ist etwas pflege-intensiver als andere Stadtteile, deshalb ist wichtig, dass die Leute wissen, dass ich da bin und sie mich immer ansprechen können", sagt Gebel. Gute Kontakte pflegt der Dorfsheriff sogar zur früheren Hausbesetzer-Szene an der Kiefernstraße. Die wiederum sorgt sich derzeit vor allem mit Blick auf die Ecke von Kettwiger und Erkrather Straße, die sie noch sehen kann. Dort stehen aber bald ein Bau- und einen Elektromarkt sowie ein großer Discounter - und das bedeutet vor allem eins: noch mehr Autos in Flingern-Süd.

(RP)
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