Volmerswerth: Eine fast perfekte Idylle

Volmerswerth : Eine fast perfekte Idylle

Volmerswerth gehört zu den Vierteln Düsseldorfs, die sich ihren dörflichen Charakter und ihre Eigenständigkeit erhalten haben. Die Bürger bestimmen in vielen Vereinen das Geschehen im Ort mit und engagieren sich für ihren Stadtteil am Rhein.

Vielleicht liegt es daran, dass Volmerswerth ursprünglich eine Insel war und von daher dem Rhein besonders verbunden ist. Denn wer sich vom Fluss aus Volmerswerth nähert, kann schon von weitem den weißen Schriftzug an der backsteinroten Deichmauer erkennen. Man weiß sofort, wo man ist, obgleich der Ort selbst sich alle Mühe gibt, hinter dem Deich versteckt zu bleiben. Wer dagegen auf dem Landweg mit dem Auto nach Volmerswerth gelangen möchte, muss gut aufpassen, denn das Volmerswerth-Schild kurz hinter der Kreuzung Volmerswerther Straße/Aderräuscherweg/Krahkampweg ist schnell übersehen.

Wo Volmerswerth eigentlich beginnt, ist für die Straßenbahn-Linie 712 bereits Endstation. An der Hellriegelstraße macht sie eine kleine Schleife, um dann wieder zurück in die Innenstadt zu fahren. Die ist nah, denn zur Kö sind es gerade mal fünf Kilometer, doch angesichts der Beschaulichkeit des dörflichen Umfelds scheint sie unendlich weit entfernt. Einheimische, die erfahren möchten, was während ihrer Abwesenheit im Dorf passiert ist, kehren sofort in der Traditionsgaststätte "En de Ehd" an der Volmerswerther Straße, unmittelbar neben der Straßenbahn-Wendeschleife, ein. Seit mehr als 125 Jahren gibt es die Kneipe im urig-rustikalen Stil. Sie fungiert sowohl als zweites Wohnzimmer für Schützen und Vereinsaktivisten aller Art als auch als Neuigkeitenbörse erster Güte.

"In Volmerswerth bin ich geboren, hier bin ich aufgewachsen, hier lebe ich einfach gern, denn diese Mischung aus Nähe zur Stadt, Naherholungsgebiet und einer intakten, lebendigen Dorfgemeinschaft bietet alles, was ich brauche", erklärt euphorisch Christel See, Volmerswerther Urgestein und Gründungsmitglied des Volmerswerther Bürger- und Heimatvereins, den es seit 1997 gibt.

Mit sichtlichem Stolz weist sie auf den Geschichtsstein in der Anlage an der Ecke Volmerswerther Straße/Volmerswerther Deich. Diese hätte es fast nicht gegeben, denn die ursprüngliche Planung für die Häuserzeile entlang der Volmerswerther Straße sah Wohnbebauung bis zum Deich vor. "Das Vorhaben zu stoppen war Gründungsanlass und zugleich erster Erfolg unseres Bürger- und Heimatvereins", erklärt Lothar See, der zweiter Vorsitzende ist. Neben dem Geschichtsstein, einer Arbeit des Itteraner Bildhauers und Steinmetzmeisters Fritz Meyer, zieren die Anlage im Sommer Blumenkübel, Bänke für eine entspannende Aussicht auf den Rhein sowie ein paar junge Birken. Zur Weihnachtszeit steht hier ein Tannen-, im Mai der Maibaum.

Andere Bausünden, wie etwa die komprimierte, viergeschossige Bebauung entlang der westlichen Seite der Volmerswerther Straße, konnten nicht verhindert werden, damals gab es den Verein noch nicht. Selten findet man einen Stadtteil, in dem Vereine das Gemeindeleben so prägen wie in Volmerswerth der Bürger- und Heimatverein, die St. Sebastianus Schützenbruderschaft, die Martinsfreunde, Sportvereine wie die Freien Wasserfahrer, der Segler- und der Schießverein sowie Bürgergruppen oder auch der Pfarrgemeinderat.

"Alle Vereine sind aber nicht ausschließlich für sich tätig, sondern schicken ihre Mitglieder auch in den Ortsausschuss, der sich viermal im Jahr trifft und in dem Ereignisse geplant und Probleme einfach - weil gemeinsam - gelöst werden", sagt Adam Rozynski, Vorsitzender des Ortsausschusses und Mitglied des Pfarrgemeinderats von St. Dionysius.

Besonders stolz ist man auf die Jugendarbeit im Ort, der zwar wieder eine Kita, aber keine Schule hat. 175 Kinder und Jugendliche, in verschiedenen Gruppen organisiert, werden bei ihren Aktionen von mehr als 20 ehrenamtlich tätigen Betreuern unterstützt. "Wer also möchte, kann sich hier einbringen, und das ohne Ende", stellt Achim Rozynski fest. Allein das musikalische Kulturangebot des Ortes umfasst Kirchenchor, Gospelchor, das A-Cappella-Ensemble Quadrophonia, Blasorchester und Tambourcorps.

Das dörfliche Miteinander lebt natürlich auch von seinen Originalen. Zu denen zählt sicherlich Heinz Korfmacher, der in seinem Gartenbaubetrieb zur Vorweihnachtszeit Tannenbäume aller Größen verkauft. "Er spricht wunderbar Platt, zum Verkaufsgespräch gehört schon mal ein Schnäpschen, und manchmal gibt es als Zugabe einen Kappeskopf", sagt Christel See.

Wer auf dem Deich entlang geht, entdeckt eine Weite, die sich einerseits über den Fluss und andererseits über die Felder mit ihren Treibhäusern erstreckt. Die dörfliche Anmutung der Gassen mit ihren verwinkelt zueinander gebauten Häusern täuscht, was den Eindruck der Enge betrifft: Schaut man durch manchen Torbogen, so sieht man auch hinter den Häusern große landwirtschaftliche Flächen mit Treibhäusern, die vorrangig für Blumen genutzt werden.

Insgesamt sechs Gartenbau- und Floristikunternehmen haben ihren Sitz in Volmerswerth, noch einige mehr im direkten Umland. Aber gerade diese Blumenindustrie bereitet auch Probleme, etwa wenn sich Schwerlaster durch den Ort quälen müssen. Dabei gäbe es die Möglichkeit, dass große Lkw die Gartenbaubetriebe von Hamm aus über die Felder anfahren. Einziges Hindernis ist eine Unterführung, die mit 3,60 zu niedrig ist. "Sie müsste mindestens vier Meter hoch sein - daran arbeiten wir derzeit mit der Politik und Verwaltung", sagt Lothar See, sichtlich entschlossen, auch hier ein positives Ergebnis für Volmerswerth bewirken zu können.

(RP)
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